Taksim ist überall!

taksim 

„Eine handvoll Randalierer“, „Von ausländischen Geheimdiensten gelenkter Mob“ oder „Wir werden diese drei bis fünf Bäume fällen und eine Moschee bauen, das könnt ihr nicht verhindern!“ sind die Worte eines „großen Mannes“. Die Worte des Ministerpräsidenten der Türkischen Republik. Erdogans Worte! Und jetzt wirkt er gar nicht mehr so groß!

49,9 hatten ihn bei den letzten Wahlen gewählt, seine Partei gewann an Macht und Einfluss und jetzt fiel seine Maske und sein wahres Gesicht kam zum Vorschein. Während des „Arabischen Frühlings“ hatte Erdogan die Türkei als Beispiel dafür erhoben, wie ein modernes muslimisches Land regiert werden sollte. Nun ist er selbst gezwungen, sich und seine Regierung zu retten. Es ist nicht nur ein politisches Erdbeben geworden, sondern auch die Börse in Istanbul fiel in der letzten Woche um acht Prozent. Die Proteste wären nicht so angeschwollen und hätten sich in alle Städte der Türkei ausgeweitet, wenn die allgemeine Unzufriedenheit mit Erdogans Regierung nicht so groß wäre. Die Menschen fürchten, dass sie in ihrem Lebensstil und ihrer Freiheit eingeschränkt werden.

Nun, brutale Polizeieinsätze sind in der Türkei und erst recht in Istanbul nicht selten. Selbst bei geringsten Anlässen schlagen die Einsatzkräfte mit voller Härte zu. Konsequenzen haben die Polizisten kaum zu befürchten, da die Behörden meistens erklären, die Polizei sei „provoziert“ worden. Und bei dem größten Aufstand des Landes seit Jahrzehnten wird die gleiche Taktik versucht. Jeden Tag versucht Erdogan das brutale Vorgehen der Polizei mit neuen Ausflüchten zu rechtfertigen. Gezielte Kopfschüsse haben bereits zwei Tote gefordert, weitere werden wahrscheinlich folgen. Über 2300 Menschen wurden bisher verletzt und 1700 verhaftet.

Aus einer spontanen Aktion ist eine Bewegung geworden, die längst alle Schichten, Berufs-  und Altersgruppen der Türkei umfasst. Die Gewerkschaften rufen zum Generalstreik auf, zivile und Menschenrechtsorganisationen füllen die Strassen und eine Veränderung macht sich bemerkbar.

Längst geht es nicht mehr um drei bis fünf Bäume im Gezi-Park, es geht um die Verfassungsänderung, mit der er seine Diktatur ausbauen möchte, es geht um die sog. Bildungsreform, die die Mädchen in die Küchen verbannt, es geht um die Alkohol- und Ausschankgesetze, es geht um die Aussperrung der Tekelarbeiter aus Ihren Fabriken, es geht um Demokratie und die Unterdrückung der Kurden und Aleviten, es geht darum, die schleichende Islamisierung zu unterbinden.

Der Taksim-Widerstand ist der Anfang vom Ende von der AKP-Diktatur und Erdogans letzte Atemzüge als Ministerpräsident. Und wir, die weit weg vom Taksim-Platz leben, können nur eines machen: Solidarität und aktiven Protest hier vor Ort, damit die Bewegung in der Türkei auch die Anerkennung bekommt, die sie verdient!