„Im 20. Jahr von Solingen und Sivas für Frieden und Solidarität“

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Sezen Dinc

 

Unter diesem Motto fand das diesjährige Fest der Arbeit der Föderation der demokratischen Arbeitervereine (DIDF) in der Grugahalle in Essen statt. Um ein Zeichen gegen Rassismus und Nationalismus, gegen Kriege und gegen Armut und prekäre Beschäftigung zu setzen kamen über 50000 Menschen in der Essener Grugahalle zusammen. Es sind mittlerweile 20 Jahre seit dem faschistischen Brandanschlag in Solingen vergangen, dem fünf Menschen zum Opfer fielen. 20 Jahre, aber dennoch zeigen die NSU-Morde, dass das Thema der rassistischen und faschistischen Übergriffe sehr aktuell und lange nicht geklärt ist. Außerdem wächst die Kluft zwischen arm und reich immer weiter. Immer mehr Menschen können nicht von einer Arbeit leben und die Lebensumstände der Mehrheit der Bevölkerung werden immer schlechter. Jugendhäuser und etliche andere soziale Institutionen werden mit der Begründung “leerer Staatskassen“ geschlossen.

Deswegen und für ein besseres und vor allem für ein Leben ohne Rassismus und Faschismus kamen mehrere tausend Menschen zusammen. Aus aktuellem Anlass wurde spontan eine Protestaktion während des Festivals durchgeführt. Grund dafür sind die Volksaufstände in der Türkei gegen die AKP-Regierung. Ausschlaggebend war die friedliche Demonstration in Istanbul gegen die Abholzung der Bäume im „Gezi Park“ und gegen die Errichtung eines Einkaufszentrums in diesem Park. Es geht aber lange nicht mehr nur um den Park und um die Abholzung der Bäume, es geht um die Regierung, welche mit allen Kräften und mit enormer Gewalt versucht, die Bevölkerung zum Schweigen zu bringen. Zehnttausende Menschen gehen trotz der extrem gewalttätigen Angriffe seitens der Polizei und der Regierung auf die Straßen. Nach den beiden Podiumsdiskussionen, die im Vorfeld des Festivals stattfanden, versammelten sich alle vor dem Eingang der Grugahalle. Gemeinsam mit den Künstlern und Rednern, die geladen waren wurden Solidaritätsbekundungen mit dem kämpfenden Volk in der Türkei ausgesprochen.

Den Gästen des Festes wurde bereits im Eingangsbereich einiges geboten. Es gab verschiedene Informationsstände und junge Menschen die mit Zeitschriften, Flyern und Listen herumliefen. Überall im Saal hingen Banner mit den Forderungen der DIDF.

Die Reden, die auf der Veranstaltung gehalten wurden, bezogen sich teilweise auf Sivas und Solingen. Da aber die Situation in der Türkei sehr aktuell ist, war der Abend bzw. die Veranstaltung sehr geprägt von diesen Ereignissen, so wurde auch oft Bezug auf den Aufstand in der Türkei genommen. Vor allem die beiden Redner aus der Türkei, die Vorsitzende der EMEP (Partei der Arbeit), Selma Gürkan, und der Abgeordnete der BDP (Partei für Frieden und Demokratie), Adil Zozani, schilderten den Zustand in der Türkei und das autoritäre und gewaltsame Handeln der AKP-Regierung. Immer wieder wurden Slogans wie „Überall ist Taksim, Taksim heißt Widerstand!“ gerufen. Die Berliner Theatergruppe, bestehend aus 65 Darstellern brachte ein sehr eindrucksvolles und bewegendes Theaterstück auf die Bühne. Sie hatten es geschafft, mehrere grauenhafte rassistische und faschistische Taten darzustellen wie z.B. Hiroshima, Sivas, Solingen und viele weitere.

Die Sänger und die Bands haben dazu beigetragen, dass eine harmonische Stimmung herrschte. Das Programm war abwechslungsreich, so konnten einige bei Mikail Aslan und Erdal Bayrakoglu Halay tanzen, wohingegen andere bei Bandista abrocken konnten. So war für jeden etwas dabei. Die Band Bandista hatte auch bereits bei der Kundgebung gespielt und für eine kämpferische Stimmung gesorgt.

Das Fest der Arbeit hat gezeigt, dass, egal wie stark versucht wird, das Volk zu spalten und egal wie sehr es unterdrückt und durch Repressionen eingeschüchtert wird, wird der Widerstand stärker und er wird weitergehen.

 

“Wir sind verpflichtet, Spaltung entgegenzutreten”

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Neues Leben (NL): Herr Bsirske, was ist Ihr Eindruck von der DIDF?

Bsirske: Ich finde, dass der Ansatz, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen und zu sehen, dass Menschen, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben, nach Jahren der Migration sich auch mit den Lebens-, Arbeits- und Entlohnungsbedingungen in diesem Land auseinandersetzen müssen, weil das genau das ist, was letztlich den Alltag eines jeden prägt und was man gemeinsam gestalten muss. Die DIDF ist sehr gewerkschaftlich orientiert. Wir sind Internationalisten in der Gewerkschaft und wir kämpfen gemeinsam für eine Besserung der Arbeits- und Entlohnungsbedingungen, nicht nur für Deutsche, sondern genauso für die Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund. Wir haben die gleichen Interessen. Das ist der Ansatz der DIDF und das ist der Ansatz von Ver.di und deshalb können wir sehr gut zusammengehen.

 

 

 

Das Motto der Veranstaltung ist “Gemeinsam gegen Rassismus”. Was können die Gewerkschaften gegen Rassismus in den Betrieben machen?

Rassismus spaltet. Er ist auch darauf angelegt, zu spalten. Egal ob deutsch- oder türkischstämmiger: Das Anliegen der Gewerkschaften muss sein, die Konkurrenz der Arbeiter untereinander zu begrenzen und am besten zu überwinden. Deswegen müssen wir uns dem Rassismus entgegenstellen, genauso wie wir antifaschistisch sind und uns allen faschistischen Tendenzen entgegenstellenmüssen. Rassisten gehen gegen die Migranten, sie gehen gegen die Arbeiter und sie gehen gegen die Gewerkschaften als Interessenorganisation der arbeitenden Menschen.

 

Können die Gewerkschaften sich nicht in Zukunft noch stärker am antifaschistischen Kampf orientieren?

Wir sind verpflichtet, im Betrieb Bestrebungen zur Spaltung entgegenzutreten. Rassismus ist spaltend und insofern ein auch gegen die Gewerkschaften gerichtetes Projekt, das die Menschenwürde verletzt, das den Interessen der arbeitenden Menschen entgegensteht und dem wir eine klare Absage erteilen müssen, praktisch, tagtäglich, in den Betrieben und in unserer Organisation.

 

Vielen Dank für das Interview.

 

 

 

Rassismus bekämpfen durch “soziale Gerechtigkeit”

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Neues Leben (NL): Herr Lafontaine, was ist Ihr Eindruck von der DIDF?

Lafontaine: Ich freue mich, dass die DIDF ein so aktives Leben hat. Das erlebt man ja, wenn man bei dieser Feier, bei diesem Fest dabei ist. Und ich wünsche, dass das so weitergeht, denn diese Organisation verbindet die Menschen, führt sie zusammen und ich glaube, sie trägt dazu bei, dass sich die Menschen hier sich sehr wohl fühlen.

 

 

Sie haben zum ersten mal auf türkisch ein Gedicht von Nazim Hikmet vorgetragen. Was hat sie dazu verleitet?

Vor allem der Schluss des Gedichts sagt aus, man soll zunächst mal sein eigenes Leben leben, aber man muss zusammen mit anderen leben. Wenn man nicht zusammen mit anderen lebt, dann kann man nichts erreichen und das gilt insbesondere für die Ziele, die wir haben.

 

 

Das Thema der Veranstaltung ist “Gemeinsam gegen Rassismus”. Was können wir alle zusammen in diesem Land noch stärker gegen Rassismus tun?

Es gibt zwei Dinge, die nach meiner Beobachtung wichtig sind. Einmal das Kennenlernen der jeweiligen Kultur. Also in dem Moment, wenn man die Kultur eines Landes kennt, dann hat man eine ganz andere Einstellung. Und die Kultur führt zusammen. Das habe ich immer wieder erlebt in all den Jahrzehnten meiner Tätigkeit. Also kultureller Austausch ist für mich ganz wichtig. Und dann natürlich der soziale Ausgleich, denn Gerechtigkeit ist die Grundlage des Friedens. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es Streit. Und deshalb muss man Gerechtigkeit herstellen und d.h. eben im eigenen Land anfangen, soziale Gerechtigkeit zur Grundlage der Politik zu machen. Dann gibt es nicht diese Spannungen und der Boden für Hass und Gewalttätigkeit kann nicht geschürt werden. Denn Menschen, die verzweifelt sind, die selbst nicht mehr ein und aus wissen, die meinen dann, der Nachbar sei schuld und wenn der Nachbar dann auch noch eine andere Sprache spricht, dann ist er sowieso schuld. Es ist leider ganz platt in einer parlamentarischen Demokratie. Man muss die politischen Gruppen unterstützen, auch wählen, die glaubwürdig gegen Leiharbeit oder für den Mindestlohn im Bundestag stimmen und nicht nur davon reden.

 

Vielen Dank für das Interview.