Ausbildungsmisere geht weiter

Der Ausbildungsmarkt leide unter einem Bewerbungsmangel und es gäbe tausende unbesetzte Ausbildungsplätze. Die Realität jedoch schaut anders aus.

Wenn es doch tatsächlich so ist, wie die Medien und Kammern es immer beklagen, dass es jährlich zehntausende, für 2012 beispielsweise 70000 allein im IHK-Bericht, unbesetzte Ausbildungsplätze gibt, wie kann es dann zustande kommen, dass es im selben Jahr auch 76000 Jugendliche und junge Menschen im Alter von 20-29 gibt, die keinen Ausbildungsplatz bekommen?

In diesem Jahr rechneten die Kammern mit einem Plus von einem Prozent bei den Ausbildungsverträgen. Geschuldet sei dies vor allem den doppelten Abiturjahrgängen in Nordrhein-Westfalen und Hessen. Ab kommendem Jahr aber soll es nur noch bergab gehen. „Die Zahl der Schulabgänger und damit auch der Ausbildungsverträge wird stetig zurückgehen“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks. 2014 würden bereits rund 65000 junge Menschen weniger die Schulen verlassen. Die Hauptgründe wären neben der sinkenden Zahl der Schulabgänger die größere Neigung, ein Studium zu beginnen. Besonders betroffen vom Bewerbermangel sei das Gastgewerbe gewesen, hier konnten 55 Prozent der befragten Betriebe nicht alle Lehrstellen besetzen, mit deutlichem Abstand folgten Baugewerbe (25 Prozent) sowie Transport und Logistik (23 Prozent).

Als Grund für die offen gebliebenen Plätze gaben mehr als zwei Drittel der Firmen an, nicht genügend geeignete Bewerber gefunden zu haben. Und das, so meint der DIHK, obwohl die Firmen ihre Erwartungen an die Bewerber heruntergeschraubt hätten und auch für “lernschwächere“ Schulabgänger offen seien.

In Wirklichkeit sieht das Ganze aber anders aus, denn der Ausbildungsmarkt ist zunehmend gespalten. Ein Teil der Jugendlichen, vor allem jene mit gutem Schulabschluss, profitiert von der  leichten Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt. Es fällt ihnen leichter, als noch vor wenigen Jahren, einen Ausbildungsplatz zu finden. Für einen Teil der jungen Menschen dagegen erhöht sich das Risiko, dauerhaft aus dem Ausbildungsmarkt ausgeschlossen zu bleiben. Annähernd die Hälfte der Ausbildungsberufe ist für Menschen mit unteren Bildungsabschlüssen faktisch abgeschottet. Junge Menschen mit Hauptschulabschluss, die diese bereits verinnerlicht haben, ziehen bestimmte Berufe für sich gar nicht mehr in Betracht. Ob Bewerber nun geeignet sind oder nicht, machen Firmen ausschließlich von den Schulnoten abhängig. Da kann der Eignungstest noch so gut ausgefallen sein, falls man überhaupt eine Einladung für diesen bekommen haben sollte.

 

Mangelnde Ausbildungsbereitschaft der Betriebe

Im vergangenen Jahr hat nur noch jeder fünfte Betrieb ausgebildet. „Die fehlenden Auszubildenden von heute sind die fehlenden Fachkräfte von morgen“, warnte Dercks. Wo sollen denn die Fachkräfte von morgen herkommen, wenn immer weniger Betriebe ausbilden? Wer nicht sät, kann auch nicht ernten. Der Berufsbildungsbericht 2013 zeigt, dass die Ausbildungsbetriebsquote inzwischen auf 21,7 Prozent gesunken ist und auch die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist erneut zurückgegangen. Sie lag im Jahr 2012 bei 551272. Das ist ein Minus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2005. Weniger ausbildende Betriebe, weniger Ausbildungsverträge – das passt einfach nicht zusammen mit den Klagen mancher Betriebe und Branchen oder der Handwerksinnungen und -kammern über den drohenden Fachkräftemangel.

 

Übernahme weiterhin oft ungeklärt
Eine unbefristete Übernahme von Auszubildenden sollte das Mindeste sein. Sollte man eine Ausbildung bekommen und beendet haben, kommt nun das nächste Problem. Für die meisten besteht kaum eine Hoffnung auf eine Übernahme nach der Ausbildung! Von den Auszubildenden im letzten Ausbildungsjahr haben lediglich 40 Prozent zum Zeitpunkt der Befragung eine Zusage für eine Übernahme bekommen und etwa 14 Prozent wussten bereits, dass sie nicht übernommen werden. Die restlichen 45 Prozent hatten noch keine Auskunft.
Jugendliche brauchen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben mit vielfältigen Perspektiven und materieller Sicherheit. Daher sollten alle Auszubildenden im Anschluss an ihre abgeschlossene Ausbildung eine unbefristete Übernahme in einen Vollzeitjob, der auch zur Ausbildung passt, bekommen.

 

Pinar Aki