Feuchtgebiete – Was uns der Film hergibt

Dirim Su Derventli

Helen ist ein 18jähriges Scheidungskind. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zusammen. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, dass ihr Vater wieder zu ihnen zieht. Schnell wird klar: Helen macht sich nicht viel aus Hygiene, stattdessen stellt sie ihre ganz eigenen Prinzipien auf und schockiert so ihre Umwelt und Familie. Während einer Intimrasur verletzt sich Helen an ihren Hämorrhoiden und muss ins Krankenhaus, um operiert zu werden. Dort versucht sie mit allen Mitteln, ihre Eltern zusammenzubringen, damit sie am Krankenbett der Tochter wieder zueinander finden. Ihr Plan geht natürlich nicht auf, doch sie nimmt Pfleger Robin und die Zuschauer mit auf die Reise ihrer Ekstasen. Sie erzählt von Sexerlebnissen und Fantasien, vor allem mit verschiedenen Gemüsesorten, ihren Drogenerfahrungen und ihrer Blutschwesterschaft (Tampontausch) mit ihrer besten Freundin Corinna.

 

Zwischen Sexualität und Unausgesprochenem

Während für Charlotte Roche, der Autorin des gleichnamigen Buches, Helen eine Heldin darstellt, war sie für die meisten Kinobesucher leider nur ein Ekelpaket. Im Großen und Ganzen wollte die Bestsellerautorin Roche wohl nur der Welt erklären, dass Frauen nicht, wie der ein oder andere Mann denken mag, auf Toilette Rosen produzieren, sondern wie die Männer auch, zu mehr im Stande sind. Ganz selbstbewusst weist sie darauf hin, dass es allen Frauen gleichermaßen geht. Sie würden nur darauf warten, dass sich endlich eine traut, die Wahrheit auszusprechen. Hat der Inhalt des Filmes denn noch was mit Emanzipation zu tun? Natürlich ist es höchste Zeit, dass die männlich dominierte Gesellschaft weiß, dass Frauen genauso aus allen Körpergegenden Härchen sprießen. Es gibt eben viel zu viele Tabus, an die wir uns nicht einmal annähern wollen, weil wir Angst haben, sie auszusprechen. Eine Frau mit Bedürfnissen, die gestillt werden wollen? Nein, so etwas gibt es nicht! Mädchen sollen am besten Mädchen bleiben und erst gar nicht eine Frau werden. Da stellt man sich nebenbei die Frage, was es überhaupt heißt, eine Frau zu sein… Genau deshalb sprengt Helen den Rahmen. Sie legt keinen Wert auf Hygiene, wechselt nach Lust und Laune ihre Sexualpartner, dafür aber kaum die Unterhose. Im Wesentlichen geht es anscheinend nur darum, sich auf seine Triebe einzulassen und die Ereignisse im und am Körper mit all seinen Absonderungen der Welt mitzuteilen. Die eigentliche Hauptaussage, dass das, was uns Menschen mit all unseren Körperflüssigkeiten zum Menschen macht, normal ist, wird aber verfehlt. Es bringt tatsächlich nichts zu behaupten, dass es etwas wie Sexualität nicht gäbe. Was uns zum Menschen macht, ist also, den Spagat zwischen „Trieb“ und „Gesellschaft“ zu bewältigen und das ist auch gut so. Und wir müssen schleunigst lernen, darüber zu sprechen und nicht uns deswegen zu schämen! Allerdings stellt der Film alles auf den Kopf. Es wird von unseren Trieben und unerfüllbaren Werten gesprochen, davon, dass wir eigentlich alle Tiere sind, die sich lediglich paaren wollen. Es stimmt, wir haben gewisse Triebe, die fest in unserer Anlagerung verankert sind. Aber wir sind keine Tiere, wir sind Menschen. Würden wir nur durch unsere Triebe gesteuert sein, würden wir uns nach Lust und Laune wie hungrige Tiere auf die nächstbesten Partner stürzen. Der Film ist die Exzessive von dem, was man als Tabubruch bezeichnet. Viel zu schnell wurde von natürlichen, normalen sogar menschlichen Handlungen auf Perversität umgeschwenkt. Roche redet zwar davon, dass endlich Klartext gesprochen werden muss, allerdings weiss sie, und ebenfalls ihr Regisseur genau, dass die Zuschauer nur durch Extravaganz anzulocken sind. Es gibt eben Dinge, die liegen in unserer Natur und es gibt Dinge, die wurden zu sehr hochgeschaukelt. Man darf also nicht alles allzu ernst nehmen. Schade, dabei hatte der Film so viel Potential, um durch schockierende Beispiele die unerhoffte Wahrheit zu schildern und statt nur oberflächlich und banal auf die Sexualität einzugehen, die Rolle der Frau in der Gesellschaft klar vor die Augen zu führen –nicht gegen, sondern trotz der Sexualität!

Um sich ein eigenes Bild zu machen, ist der Film aber zu empfehlen, solange man magenumdrehende Szenen aushalten kann.