Wacht auf, Verdummte und Verdammte dieser Erde!

 arbeiterfotograf

Gerade in Zeiten der Kriegsvorbereitung überträgt man den Medien eine wichtige Aufgabe: Denn sie sind diejenigen, die durch ihre Berichterstattung in der Lage sind, eine öffentliche Meinung zu bilden, indem sie der Gesellschaft das „richtige“ Bild vor die Nase halten. Deshalb ist es auch in enormem Interesse der Herrschenden, diese Medien aller Art für sich arbeiten zu lassen. Denn vor allem wenn es darum geht, aus Begriffen Waffen zu machen, indem man aus Massakern Zusammenstöße und aus staatlichen Mördern Sicherheitskräfte hervorzaubert, ist er am meisten gefragt: der Fotojournalismus. Denn eine Gesellschaft, die von der Werbeindustrie umstellt und visuell schon beherrscht wird, nimmt die Bildmontage mittlerweile schon als Normalzustand an, vor allem dann, wenn es um Kriegspropaganda geht. Auch dann geht es spätestens nur um eines: Herrschaft und nicht Wahrheit. Dann ist es schon mal möglich in den 90er Jahren Bilder aus Jugoslawien zu sehen, auf denen Konzentrationslager abgebildet sind, die jedoch nie existiert haben, aber erschaffen wurden, um den damaligen Krieg zu rechtfertigen. Krieg belebt eben das Lügengeschäft. Nicht nur in Sachen Krieg, sondern in allen Fällen der Profitgier werden der Gesellschaft die entsprechenden Bilder „zusammengebastelt“: bei sozialen Kürzungen, bei Vernichtung der Arbeiterrechte uvm. Aber nicht nur in der heutigen modernen Berichterstattung sind diese Methoden gang und gebe. Genauso waren es schon zur Zeit der Weimarer Republik dieselben Absichten, welche dazu führten, Medienmanipulation zu betreiben.

 

Gegenposition zur Verdummungsmaschinerie

Um genau diesem entgegenzusetzen, gründete sich der Bundesverband der Arbeiterfotografie.  Mit eigenen Worten: „Arbeiterfotografie seit ihren Anfängen ist Gegenposition, Information und Aufklärung mit überwiegend bildnerischen Mitteln, verstärkt in neuester Zeit zunehmend mit den Mitteln der Medienkritik. Der Kritik der interessengelenkten Verdummungsmaschinerie muss heute wie in den Anfängen der Arbeiterfotografie große Bedeutung beigemessen werden, wenn man bei intensiverer Beschäftigung mit der Materie erkennt, wie gewaltsam, allgegenwärtig penetrant und perfide die gegnerischen Methoden sind. Springer und Bertelsmann galt es schon immer etwas entgegenzusetzen – Methoden zu durchleuchten, und jetzt erst recht, wo sich die Medienlandschaft verdichtet, Pressefreiheit und Pressevielfalt immer fragwürdiger werden, wo die Beziehungen von Presse, Politik und Kapital immer offensichtlicher werden […]. Um die feindliche Übernahme unserer Köpfe zu behindern, bedarf es der Aufklärung der Hintergründe.“

 

35 Jahre „Abreiterfotografie“

35 Jahre sind es nun her, seit der Bundesverband der Arbeiterfotografie in Essen gegründet wurde. Bereits 1968 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift „Arbeiterfotografie“, knapp ein Jahr nach Entstehen der ersten Gruppen in Köln und Hamburg. Seine historischen Wurzel hat der Verband jedoch schon in der Zeit der Weimarer Republik existierenden Arbeiterfotografenbewegung, welche 1933 vom NS-Regime zerstört wurde. Gegründet wurde dieser bereits 1927 unter dem Namen Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands VsAFD.  Am 21. September eröffnete der Verband zum 35. Jubiläum in Berlin eine zweiteilige Ausstellung unter dem Titel „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“, wobei der erste Teil sich den historischen Vorbildern widmet.

 

„Das Bild – eine Waffe im Klassenkampf“

„Arbeiterfotografie ist eine Waffe der Zeit. Sie entnimmt ihre Motive der sozialen Gegenwart, berichtet über den politischen Kampf und sucht ihn durch die anklagende Aufzeigung der furchtbaren Wirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsanarchie zu steigern“, schrieb der Bildredakteur der AIZ (Arbeiter-Illustrierten-Zeitung) Hermann Leopold, welcher ab 1929 Präsident der Vereinigung der Arbeiterfotografen Deutschlands war, im November 1931 im Vereinsorgan in einem Artikel mit der Überschrift „Das Bild – eine Waffe im Klassenkampf“. Genau dies scheint bis heute noch die Basis des Vereins zu sein. Denn in der Bundessatzung nach der Neugründung heißt es: „Arbeiterfotografie als realistische Fotografie soll die menschlichen und materiellen Probleme als gesellschaftlich bedingte bewusst machen, soll Dokumentation und fotografische Gestaltung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Menschen, ihren politischen Kampf, aber auch ihre Persönlichkeit, ihre Ideen und Freuden in den Mittelpunkt stellen. Sie knüpft damit an die Erfahrungen der Arbeiterfotografen-Bewegung  der zwanziger und dreißiger Jahre an[…]. Arbeiterfotografie als alternative Fotografie tritt der Flut von Bildern entgegen, die in den bürgerlichen Massenmedien und der Freizeitindustrie ein wirksames Mittel der Verschleierung der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind.“

 

Ausstellung bis 3. November

Bestimmt konnte Brecht die heutigen Ausmaße der Bild- und Medienmanipulation nicht ahnen, als er sagte: „Die Photographie ist in den Händen der Bourgeoisie zu einer furchtbaren Waffe geworden.“ Um diese „furchtbare Waffe“ ein Stück zu enttarnen, geht die Ausstellung  „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“ im KUNST-GESCHOSS – Die Stadtgalerie im Schützenhaus Werder (Havel)/ Berlin noch bis zum 3. November weiter. Es wird an unterschiedlichen Tagen auch ein Alternativprogram, wie Diskussionsrunden und musikalische Beiträge, angeboten. Mehr Infos auf: www.arbeiterfotografie.com

Yasemen Ilhan