„Wilder Streik“, der Köln vor 40 Jahren bewegte

 KoelnFord-Streik

40 Jahre danach wurde der sogenannte wilde Streik vom Jahre 1973 mit verschiedenen Veranstaltungen wieder ein Stück ins Leben gerufen. Am 24. August 1973 wurde mit dem Anfang der Nachtschicht die Arbeit gestoppt. Und es begann ein nicht zu vergessender Streik. Die meisten der Arbeiter waren türkeistämmig. Neben italienischen und jugoslawischen Arbeitern haben auch einige deutsche Arbeiter an dem Streik teilgenommen. In dem Jahr arbeiteten 32000 Menschen in dem Werk und davon waren 12000 türkeistämmig. Auf der Veranstaltung war auch Mitat Özdemir anwesend, der als Übersetzer der Arbeiter diente und die harten Arbeits- und Wohnbedingungen der Arbeiter so beschrieb: „In den Wohnheimen, wo die Arbeiter lebten, mussten sie in kleinen Zimmern mit 4-6 Mann bleiben. Da sie in verschiedenen Schichten arbeiteten, mussten die einen versuchen, sich schlafen zu legen, während die anderen sich leise fertig machten. Jedes Badezimmer wurde von zwei Zimmern und jede Küche von 3 Zimmern benutzt. Auch wenn sie aus demselben Land kamen, sorgte diese Situation dafür, dass ein Zusammenleben kaum möglich war. Da die Türkeistämmigen auch die Sprache nicht beherrschten, mussten sie die schwersten Arbeiten übernehmen und wurden auch am schlechtesten bezahlt. Dann kam der Sommerurlaub. Nach dem Urlaub wurden viele entlassen, weil sie wegen Krankheit und Unfällen paar Tage länger nicht arbeiten konnten. Aber diese Arbeiter besaßen Krankenscheine, doch es nützte nichts. In der Y Halle schrie ein Arbeiter: Es reicht! Wie lange sollen wir noch diese Ausbeutung, diese Unterdrückung, diese Spaltung dulden!“ Und der 4-tägige „Wilde Streik“ begann. Tausende Arbeiter legten ihre Arbeit nieder, die Tore, die nach verschiedenen türkischen Städtenamen benannt wurden, wurden besetzt. Ein Streikkomitee wurde gegründet und Aufgaben verteilt. Die Forderung lautete eine Stundenlohnerhöhung von einer Deutschen Mark (DM) und die Einstellung der entlassenen Arbeiter. Zusammen haben sie Widerstand geleistet, gesungen und getanzt. In den ersten Stunden haben die deutschen Arbeiter mitgestreikt. Doch als man erfuhr, dass die Gewerkschaft gegen den Streik war und der Betriebsrat zur Arbeit für einen friedlichen Arbeitsplatz aufrief, zogen sie sich zurück. Einige sind wieder arbeiten gegangen, andere wiederum haben das ganze Geschehen von zu Hause verfolgt, jedoch aber nicht bei den Protesten mitgemacht.

 

Die Medien veröffentlichten rassistische Artikel wie „Türkei übernimmt die Führung!“ Gleichzeitig wurden Türkeistämmige als gesetzlose und aggressive Menschen beschimpft, aber während dessen begann in Köln eine große Solidaritätswelle. Es wurden Geld, Essen, Getränke und Klamotten für die Familien der Entlassenen gesammelt.

 

Am zweiten Tag des Streiks forderten die Chefs und die Gewerkschaft von der Polizei, den wilden Streik zu stoppen und forderten, dass sie dafür sorgen solle, dass die Tore geräumt werden, damit die Arbeiter, die arbeiten wollen, hereinkommen können. Am vierten Tag organisierten die Chefs mit Hilfe vom Betriebsrat eine Gegendemonstration mit Streikbrechern. Somit spielte man die Arbeiter gegeneinander aus. Auch die Polizei ging sehr aggressiv vor. Viele Arbeiter wurden verhaftet und einige auffällige Führer der wilden Streiks, wie Baha Targün, wurden abgeschoben. Doch der Streik sorgte dafür, dass man die Forderungen und Probleme der Migranten bei den Ford-Werken erhörte. Sie waren nicht mehr Gastarbeiter, wie man sie gerne bezeichnete, sondern Arbeiter, die für ihre Forderungen kämpften. Der Fordstreik war einer von den 300 wilden Streiks, die zu der Zeit in Deutschland aufgrund der Ölkrise stattfanden.

 

Der jetzige IG-Metall-Vorsitzende Köln-Leverkusen, Witich Rossmann, erwähnte, dass die ältere Generation innerhalb der Gewerkschaft friedlich und langsam ihre Forderungen erreichen will. Die jüngere Generation jedoch ist bereit, für ihre Forderungen Widerstand zu leisten. Das Problem, dass die Probleme der Migranten wenig thematisiert werden, bestünde immer noch. Der Fordstreik war sehr wichtig, um genau diese Arbeiter in den Vordergrund rücken zu lassen und natürlich um ihre Forderungen wie die Einstellung der entlassenen Arbeiter und die Lohnerhöhung mit Erfolg durchzusetzen, so der Gewerkschafter. Der Gewerkschafter Walter Malzkorn erwähnte in seiner Rede, dass nach dem Streik die IG-Metall-Bezirksgruppe in den linken und rechten Flügel gespalten war und letztendlich viele Streikbefürworter, auch er, in die Leitung gewählt worden seien.

 

Am zweiten Tag der Veranstaltungen berichteten Arbeiter von ihrem Widerstand in den Opelwerken in Bochum, in den Fordwerken in Belgien, in PSA Aulny in Frankreich. Es wurden Diskussionen über die Erfolge, Schwierigkeiten und Notwendigkeiten von Streiks geführt. Auch der Widerstand in der Türkei, der in den vergangenen Monaten stattfand, wurde zum Thema. Die Veranstaltung, die zum Gedenken an den 40 jährigen Fordstreik organisiert wurde, endete mit einer Feier.

 

Cigdem Ronaesin