Reich lässt sich`s länger leben

Gülcin Mengi

Wohlhabende Menschen haben nicht nur eine bessere Lebensqualität, sondern auch eine im Schnitt höhere Lebenserwartung als Menschen aus einkommensschwachem Umfeld – Tatsachen, die schon lange bestehen und auch allgemein bekannt sind.

Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, wird der Unterschied zwischen der Lebenserwartung eines reichen und eines armen Menschen immer größer. Während man in den neunziger Jahren noch eine Diskrepanz von drei Jahren verzeichnen konnte, beträgt der Unterschied heute bereits fünf Jahre.

Die Studie umfasst zwar nur 86 Prozent der männlichen Bevölkerung Deutschlands, jedoch sind ähnliche Werte auch unter dem weiblichen Bevölkerungsanteil zu verzeichnen. Doch wie lässt sich erklären, dass jemand mit hohem Einkommen länger lebt, als jemand mit niedrigem Gehalt?

Eines der ausschlaggebenden Faktoren ist der jedem bekannte Stressfaktor. Menschen mit niedrigem Gehalt haben täglich mit der Frage zu kämpfen, wie sie finanziell um die Runden kommen sollen: eine angeforderte Mietnebenkostennachzahlung,  die neue Jacke für den Sohn, die Schulausflugskosten der Tochter – alles Themen, die in einkommensstarken Familien nicht einmal der Rede wert sind. Auch ist in schlecht bezahlten Berufen  in der Regel die körperlich-seelische Belastung bei weitem höher, vor allem wenn der Arbeitsplatz, und das ist immer häufiger der Fall, nicht sicher ist. „Weniger Geld“ ist in dem bestehenden System nämlich gleichzusetzen mit „mehr Sorgen“.

Zu beachten ist auch, dass Menschen aus wohlhabenden Verhältnissen häufig eine bessere Bildung genießen dürfen, was sich auch in ihrer Lebensweise widerspiegelt: Gesunde Ernährung und sportliche Aktivitäten sind daher eher in höheren Gesellschaftsschichten präsent. Zumal auch bekannt ist, dass gesunde Ernährung höhere Kosten mit sich bringen kann. Wer mehr Geld hat, kann sich also eher ein gesundes Leben leisten. Aber wie sieht es denn aus, wenn die Gesundheit bereits gefährdet ist?

Nicht anders. Denn auch das deutsche Gesundheitssystem verstärkt die Tatsache der Lebenserwartungsdiskrepanz. Genauso wie das „Gesund bleiben“ Geld kostet, bringt auch das „wieder gesund werden“ Kosten mit sich. So sind bestimmte Vorsorgeuntersuchungen beispielsweise kostenpflichtig und können somit nur von Menschen wahrgenommen werden, die sich dies finanziell leisten können.

Im Aufbau der Studie ist auch auffällig, dass neben den Frauen auch Männer mit Migrationshintergrund nicht in die Auswertungen mit aufgenommen wurden. Als Begründung hierfür wird ihre als lückenhaft beschriebene Erwerbsbiographie aufgeführt. Interessant wäre es jedoch auch deren Lebenserwartung im Vergleich zu sehen, da sie meist im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und neben dem Arbeitsstress noch vielen weiteren sozialen Stressfaktoren ausgesetzt sind.

Die Ergebnisse der Studie werfen viele Fragen auf, lassen über viele mögliche Ursachen und Folgen diskutieren, aber das Fazit bleibt kurz: Geld bestimmt unser Leben – sogar wie lange wir leben.