„Entschlossen und gemeinsam für unsere Gleichberechtigung“

GKB

Bundeskongress des Bundesverbandes der Migrantinnen fordert Lohngerechtigkeit und stärkeren Einsatz gegen Gewalt an Frauen

 

 

Vom 2. bis 3. November 2013 fand unter dem Motto „Traditionelle Rollen aufbrechen – das Leben gleichberechtigt mitgestalten“  der Bundeskongress des Bundesverbandes der Migrantinnen statt. Rund 130 Teilnehmerinnen aus 18 Städten diskutierten an diesem Wochenende über vorhandene Rollenverständnisse und legten neue Beschlüsse für die Verbandsarbeit fest.

 

Der Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland wurde 2005 gegründet und setzt sich für die Gleichberechtigung von Frauen ein. Als Selbstorganisation von türkeistämmigen Frauen versucht sie besonders die Schnittstellen zwischen Integration, Frauen- und Gleichstellungspolitik zu stärken. Die Verbandsarbeit erstreckt sich über eine große Bandbreite freizeitlicher, sozialer und politischer Aktivitäten.

 

Neben rund 130 Teilnehmerinnen aus den Frauengruppen und –vereinen, kamen auch eingeladene Gäste zum Bundeskongress. Unter ihnen befanden sich Petra Wlecklik, Gewerkschaftssekretärin beim Bundesvorstand der IG Metall, Behshid Najafi, von agisra, Frau Moradi von der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen e.V. Köln sowie Sükran Dogan aus der Türkei, Mitglied der Partei der Arbeit (EMEP) und Mitglied der neu gegründeten Partei – HDP („Demokratische Partei der Völker“). Gemeinsam mit Dr. Esma Cakir-Ceyla, Vertreterin des Bundesverbandes der Migrantinnen, sprachen sie in der Talkrunde am Samstagvormittag über aktuelle frauenpolitische Probleme von Frauen und notwendige Hilfestrukturen für Frauen.

 

Der Kongress begann am ersten Tag mit der Diskussion zu überkommenen Rollenverständnissen und deren Ausformungen im gesellschaftlichen Leben. Dazu wurden am Nachmittag zwei Arbeitsgruppen gebildet. In der ersten Arbeitsgruppe diskutierten die Teilnehmerinnen darüber, wie überkommene, patriarchalische Rollenzuweisungen Frauen in ihrer freien und selbstbestimmten Persönlichkeitsentfaltung behindert. Der damit verbundene soziale Druck auf die Frau, den ihr gestellten Erwartungen gerecht zu werden, isoliert sie nicht nur vom gesellschaftlichen Leben und Mitentscheidung, sondern rechtfertigt Gewaltanwendung gegen sie in unterschiedlichen Formen.

 

In der zweiten Arbeitsgruppe wurde über die Beschäftigungssituation von Frauen und Migrantinnen diskutiert. Die Gleichberechtigung der Frau im Besonderen eine Frage der gerechten Arbeit  und Entlohnung. Frauen werden in sog. „frauentypische“ Felder gedrängt, in der ihre Arbeit niedrig entlohnt und ungesichert ist. Für den Großteil sind diese Formen der Beschäftigung die einzige Chance, um überhaupt eine bezahlte Arbeit zu bekommen. Wie das im wirklichen Leben sich ausdrückt, machten die vielen Wortbeiträge der Teilnehmerinnen deutlich: „Ich habe ein Monat lang in einem Kino als Putzkraft gearbeitet. Unser Arbeitstag war 6 Stunden lang, unsere Bezahlung wurde mit zwei Stunden berechnet.“ Eine andere Teilnehmerin schildert ihre Situation so: „Ich bin seit 7 Jahren in Deutschland. In dieser Zeit habe ich sowohl in der Gastronomie als auch in der Fabrik gearbeitet. In der Türkei habe ich als Bürokraft gearbeitet. Bei der Jobsuche werden meine Ausbildungswünsche nicht berücksichtig. Mir werden niedrigbezahlte Jobs angeboten“

Welche Ausmaße die Lohnausbeutung haben kann, verdeutlicht das Beispiel einer anderen Teilnehmerin: „Ich bin arbeitsuchend gemeldet. Ich habe einen Beruf gelernt. Die Jobs, die mir angeboten werden, bringen mir nur einen geringen Lohn. Beispielsweise wurde mir ein Job angeboten, wo ich 100 Stunden arbeiten musste, um 600 Euro verdienen zu können.“

 

Neben der Forderung nach Lohngerechtigkeit, beschlossen die Vertreterinnen der lokalen Frauengruppen und Vereinen, die Abschaffung der Minijobs und die Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro. Weiter forderten sie bessere Löhne – auch für Vollzeitbeschäftigte – und das Verbot von Leiharbeit.

 

Am Abend berichtete Sükran Dogan über aktuelle (frauen-)politische Entwicklungen in der Türkei. Welche frauenfeindliche Politik die AKP-Regierung betreibt, zeigen die gegenwärtige Diskussion über das Kopftuchtragen von Parlamentsabgeordneten oder das Beispiel einer TV-Moderatorin, die wegen ihres Dekolletés vom Sender gekündigt wurde. Die Gründung der „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP), wurde von den Teilnehmerinnen mit großer Freude begrüßt.

 

Am zweiten Tag seines Zusammenkommens, werteten die Teilnehmerinnen ihre Verbandsarbeit aus, tauschten ihre Erfahrungen aus den jeweiligen Aktivitäten ihrer Stadt aus und legten neue Aufgaben für die kommende Verbandsarbeit fest. Dazu gehört, die Verbandszeitschrift KADIN zu stärken und sicherzustellen, dass sie regelmäßig erscheint, die bessere Kommunikation zwischen den lokalen Frauengruppen und dem Bundesvorstand, sowie  die Planung einer bundesweiten Öffentlichkeits- und Aktionskampagne in Anlehnung an das Motto des diesjährigen Bundeskongresses.

 

Der Bundeskongress endete nach zweitägigen lebendigen, dynamischen Diskussionen und ideenreichen Vorschlägen und Beschlüssen mit der Neuwahl des 11-köpfigen Bundesvorstandes.

 

 

 

 

Isaf Gün (Gewerkschafsseketärin, IG Metall Vorstand)

Es war eine sehr gelungene Konferenz mit vielen anregenden Diskussionen und Beiträgen. Sie hat uns Frauen einen Raum gegeben, um aus unserer eigenen Erfahrungswelt zu berichten. Die Beteiligung stand klar im Vordergrund. Frauen wurden ermutigt, so über die alltäglichen Probleme aus Beruf und Privatem zu berichten: Wo drückt uns der Schuh? Für mich stand unter vielen wichtigen Themen folgendes im Fokus: Migrantinnen sind gerade auf dem Arbeitsmarkt besonders benachteiligt. Das haben die Berichte der Frauen eindrucksvoll gezeigt: schlechte Arbeitsbedingungen, prekäre Beschäftigung, geringer Verdienst… Hier stehen wir vor großen Herausforderungen. Die Konferenz hat hierzu wichtige Forderungen beschlossen. Gemeinsam werden wir für diese kämpfen. „Lassen wir uns nicht schrecken durch die Ungunst äußerer Umstände, haben wir für alle Schwierigkeiten nur eine Antwort: Erst Recht“ (Clara Zetkin)

 

Zehra Ayyildiz, Frankfurt

Aus Frankfurt nahmen 19 Frauen und aus Rüsselsheim 4 Frauen an unserem Kongress teil. Zur Vorbereitung auf unseren Kongress hatten wir in unserer Stadt mehrere Versammlungen organisiert, in denen wir sowohl die lokale Arbeit als auch den Tätigkeitsbericht unseres Gesamtverbands diskutiert und ausgewertet haben. Für uns war es sehr wichtig, dass dieses Jahr sehr viele neue Frauen aus unseren Stadtteilgruppen kamen. Ich kann nur sagen, dass wir alle begeistert und hoch motiviert vom Kongress zurückgefahren sind. Alle Frauen waren sich einig, dass es ein besonderes Ereignis war, mit anderen Frauen zusammen zu kommen, in einer vertraulichen Atmosphäre Probleme anzusprechen und gemeinsam nach Lösungsansätzen zu suchen. Dies war auch bei den Gästen der Fall, die sehr konkret aus dem Leben der Frauen, mit denen sie zusammenarbeiten, berichteten. Konkret und aus dem Leben heraus – eben diese zwei Punkte haben unseren Kongress bestimmt. Es gab viele Wort- und Redebeiträge. Das Mikrofon wanderte von einer Hand zur nächsten. Sie waren sehr klar und für die Teilnehmerinnen sehr verständlich und  nachvollziehbar. Ich wünsche uns allen eine erfolgreiche Arbeit!

 

Ceyda Tutan, Erzieherin aus Karlsruhe

Ich habe das erste Mal an der Konferenz der Bundesverband der Migrantinnen teilgenommen und war begeistert und beeindruckt von der Organisation, der Teilnehmerzahl und der ganz starken Energie der teilnehmenden Frauen.
Der Austausch mit erfahrenen und neuen Mitgliedern war sehr hilfreich. Da war in Karlsruhe erst ganz neu eine Migrantinnengruppe gegründet haben, war es uns möglich, Tipps und Anregungen von den anderer Frauen und Ortsgruppen zu holen und uns auszutauschen. Wir hoffen, dass wir die angesprochenen Themen und neugesetzten Ziele auch erfolgreich in Karlsruhe, in unsere Arbeit mit den Frauen mit einfließen lassen können.