„Wir sammeln alles, was Neonazis und andere extreme Rechte publizieren“

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Mit dem apabiz existiert in Berlin die größte, öffentlich zugängliche Materialsammlung zur extremen Rechten. Apabiz sammelt seit 1991 Materialien über und von rechten Parteien und Organisationen und veröffentlicht eigene Analysen und Berichte regelmäßig in einem Rundbrief  „monitor“. Zurzeit ist ein wichtiger Teil der Arbeit des apabiz „NSU-watch“. Neues Leben sprach mit Frank Metzger, Ulli Jentsch und Eike Sanders über ihre Arbeit, die Geschichte des Archivs und über den NSU-Prozess.

 

Neues Leben: Wann, warum und mit welchem Ziel wurde das apabiz gegründet?

Frank Metzger: Das apabiz entstand Anfang der 1990er Jahre als Teil der antifaschistischen Bewegung in West-Berlin. Ziel war es, die Informationen über Neonazis und andere extreme Rechte an einem Ort zu sammeln und zu dokumentieren, sie für die eigene politische Arbeit und später auch für andere nutzbar zu machen. Die Themen reichen von Rechtskonservativen bis zu gewaltbereiten Neonazis. Grundlage unserer eigenen Arbeit ist ein Archiv zum Thema. Das Material nutzen wir für unsere eigene Arbeit, für unsere Analysen und Expertisen. Diese fließen dann in unsere Bildungsarbeit, in unsere Publikationen und in unsere Beratung. Wir sammeln alles, was Neonazis und andere extreme Rechte publizieren. Das sind Flyer und Aufkleber, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, aber auch Kleidung und CDs – eigentlich alles, was wir bekommen können. Wir sind wohl das größte öffentlich nutzbare Archiv dieser Art in der Bundesrepublik.

 

Neues Leben: Wie wird die Arbeit finanziert?

Frank Metzger: Wir sind ein Team von acht Personen, die die Entscheidungen fällen und die maßgebliche Arbeit im Projekt machen. Zusätzlich werden wir von vielen Freiwilligen unterstützt. Nur vier Personen aus dem Team haben allerdings einen Job im apabiz, die anderen arbeiten ehrenamtlich oder erhalten Honorare. Drei Stellen sind vom Berliner Senat finanziert und müssen jedes Jahr neu beantragt werden. Die finanzielle Unsicherheit ist auf jeden Fall eine Schwierigkeit, zumal es immer mehr Arbeit gibt, als wir im Team bewältigen können.

 

Neues Leben: Gibt es so etwas wie ein „antifaschistisches Bewusstsein“ in der Gesellschaft?

Ulli Jentsch: Es gibt sicherlich viele Menschen in der deutschen Gesellschaft, die aus der Vergangenheit den Schluss ziehen, dass es Faschismus „nie wieder“ geben darf. Und es gibt eine vielfältige und manchmal auch sehr kraftvolle antifaschistische Bewegung, die zum Beispiel bei vielen Nazi-Aufmärschen zeigt, dass es richtig ist, sich den Nazis in den Weg zu stellen.

Jedoch sind rassistische und auch extrem rechte Einstellungen in der deutschen Gesellschaft sehr stark verbreitet und populistischen Parolen über „die Ausländer“, „die Flüchtlinge“ oder „die Juden“ stimmen viel zu viele Menschen zu. Die Auseinandersetzungen über diese Einstellungen müssen beständig geführt werden.

 

Neues Leben: Die aufgedeckte Mordserie des NSU erschüttert maßgeblich die Gesellschaft. Ihr beobachtet den Prozess, protokolliert jeden Verhandlungstag und veröffentlicht die Protokolle in deutscher, türkischer und englischer Sprache.

Eike Sanders: Genau. Eine Person von „NSU-Watch“ sitzt an jedem Verhandlungstag im Saal und protokolliert so gut wie jedes Detail mit. Der Hauptzweck der Veröffentlichung der Protokolle und ihrer Übersetzungen ist, dass der Prozess an sich umfassend dokumentiert wird und man sich unabhängig informieren kann. Die Presse ist immer ihren eigenen Dynamiken und Interessen unterworfen, sie kann und wird nicht über den gesamten Zeitraum kontinuierlich über alles berichten. Daher sind unsere Protokolle sehr lang und akribisch, damit keine vermeintlich unrelevanten Kleinigkeiten verloren gehen. Erst in der Rückschau können Details für die Bewertung des ganzen Komplexes  später einmal wichtig oder lose Fäden aufgegriffen und nach-recherchiert werden. Außerdem haben wir als Antirassist_innen und Antifaschist_innen einen Blick auf den NSU, der über die strafrechtlichen Fragen hinausgeht. Daher veröffentlichen wir nicht nur die Protokolle, sondern auch bewertende Zusammenfassungen und Analysen aus unserem Netzwerk.

Neues Leben: Die Selbstenttarnung der NSU-Mordserie ist zwei Jahre her. Der Prozess läuft und der 50. Verhandlungstag ist vorbei. Was sind Eure Erwartungen oder gar Hoffnungen an den weiteren Verlauf des Prozesses?

Eike Sanders: Uns ist bewusst, dass der Prozess „nur“ ein Strafprozess ist, d.h. es geht formal ausschließlich um die Frage der Schuld von diesen 5 Angeklagten in den Anklagepunkten, die die Bundesanwaltschaft formuliert hat – nicht mehr und nicht weniger. Selbstverständlich wünschen wir uns, dass im Prozess neue Fakten und Zusammenhänge auftauchen, dass der Prozess wesentlich zur Aufklärung der Sachverhalte und Hintergründe beiträgt. Doch realistisch gesehen ist klar, dass der Prozess zentrale Fragen nicht beantworten wird. Der Prozess ist für viele Angehörige ein wichtiger Schritt. Ihre Stimmen müssen gehört werden, auch vor dem Gericht. Doch die gesellschaftliche Aufarbeitung des gesamten Komplexes ist gerade erst an ihrem Anfang. Wir hoffen, dass der Strafprozess Anlass gibt, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Letztendlich kann die Beweisaufnahme nur eines von vielen Puzzleteilen sein.

 

Neues Leben: Ihr seid nicht nur ein Archiv, sondern auch ein Bildungszentrum. Was bietet Ihr an und wer ist eure Zielgruppe?

Frank Metzger: Die Bildungsarbeit ist ein großer Teilbereich unserer Arbeit. Wir referieren pro Jahr bei etwa 100-130 Veranstaltungen. Meistens sind es Vorträge, wir leiten aber auch mehrstündige Workshops und Seminare. Die Veranstaltungen finden zu sehr unterschiedlichen Themen statt. Zum Beispiel informieren wir über Strukturen, Erscheinungsformen und Geschlechterbilder bei Neonazis, aber auch über rechte Esoterik und Antisemitismus. In den letzten zwei Jahren war ein Schwerpunkt unserer Bildungsarbeit ein Vortrag über den Komplex der neonazistischen Mordserie des NSU, dessen Unterstützungsnetzwerk und die katastrophale Rolle von Verfassungsschutz und Polizei. Kritisch betrachtet wird dabei auch die Rolle der Medien, der gesellschaftliche Rassismus und die mangelnde Sensibilität und Analyse der Linken. Wir sind auch ein Partner des Projekts „Schule ohne Rassismus“. Etwa 10 % unserer Veranstaltungen sind Workshops an Schulen, in den meisten Fällen im Rahmen von Aktionstagen gegen Diskriminierung. Unserer Meinung nach ist es sehr wichtig, dass sich Jugendliche mit dem Thema extreme Rechte auseinandersetzen. Denn Neonazis versuchen teilweise gezielt Jugendliche anzusprechen, weil diese oftmals politisch noch nicht gefestigt und möglicherweise zugänglich auch für extrem rechte Propaganda sind. Es ist daher hilfreich und notwendig, Neonazis und deren Ideologien sowie die von ihnen ausgehenden Gefahren frühzeitig erkennen und sich entsprechend verhalten zu können. Wir wollen durch Information und Aufklärung ein Gegengewicht schaffen. Wir wollen diejenigen bestärken und unterstützen, die sich gegen extreme Rechte engagieren wollen.

 

Özge Pınar Sarp