Das Umfeld prägt!

Alev Bahadir

Nicht die „Muttersprache“ oder „Migrationshintergrund“ sind prägend für die Sprachfähigkeiten von Kindern, sondern das soziale Umfeld. Das ergab eine Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen. Dazu wurden 241 Kindertageseinrichtungen (KiTas) in Essen näher betrachtet. Zuvor sorgten die sog. „Sprachstandtests“, demnach jedes vierte Kind vor der Einschulung eine gezielte Sprachförderung braucht, für rege Diskussionen. Jahrelang wurde die Schuld für mangelnde Sprachkenntnisse dem Migrationshintergrund der Kinder zugeschoben, doch zeigt die neueste Studie, dass das Engagement in den KiTas mindestens genauso wichtig ist, wie der Umgang mit der Sprache in den Familien. So meint Sybille Stöbe-Blossey, Leiterin der Forschungsabteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“: „Viele Kitas stellen fest, dass Eltern mit Migrationshintergrund oftmals leichter zu erreichen und zur Mitarbeit zu motivieren sind, als Eltern aus bildungsfernen Schichten. Die sehen häufig das Problem mit der Sprache nicht so sehr“. Helfen würde nur ein Verantwortungsbewusstsein der Erzieher, die Sprachqualität sowohl in ihre persönlichen Unterhaltungen untereinander, als auch in den Alltag der Kinder einbauen. Natürlich ist das einfacher gesagt, als getan. Denn trotz der vielen Versprechen von Familienministerin Kristina Schröder (CDU), gibt es immer noch nicht genug KiTa-Plätze in Deutschland. Bestehende Einrichtungen leiden unter Überfüllung und den Abbau von Qualität. Da ist es kein Wunder, dass nicht jeder Erzieher es schafft, individuelle Sprachförderung zu leisten. Jedoch spiegelt die Studie die allgemeine Situation in unserer Gesellschaft sehr gut wieder. Denn die oben erwähnten „bildungsfernen Schichten“ sind vor allem sozial-schwache Arbeiterfamilien. Kinder aus solchen Familien haben einen schwierigeren Zugang zur Sprache und damit verbunden natürlich auch zur Bildung. Wie prägend das soziale Umfeld für die persönliche und berufliche Entwicklung eines Menschen ist, sieht man jeden Tag. Den Kindern, die aus „sozial schwachen“ Familien kommen, mangelt es häufig nicht nur an Sprachkenntnissen. Gleichzeitig haben ihre Familien oft auch nicht die Möglichkeit, sie beim Lernen für die Schule zu unterstützen. Ganz einfach aus dem Grund, weil sie meist selbst keine hohe Schulbildung haben und sich auch keine Nachhilfe leisten können. Auch für soziale Aktivitäten, die das Umfeld ihrer Kinder verändern könnten, wie z.B. Musikschulen, muss man viel Geld bezahlen. Durch die bestehende Ghettoisierung von Arbeiterfamilien trifft man dann meist auf dem Spielplatz seinesgleichen. Also geht dieses Spiel auch in den Schulen weiter. Auch die Lehrer sind wegen überfüllter Klassen, strenger Lehrpläne und vielem mehr kaum in der Lage, individuelle Förderung von Schülern zu leisten. Stattdessen suchen sich die Meisten eine Hand voll Lieblingsschüler, auf die sie sich konzentrieren und die anderen, eben meist Arbeiterkinder, bleiben auf der Strecke. Solche Lehrer gehen dann meist auch den einfachsten Weg und schicken Schüler, die nicht in das konstruierte Bild des Klassenprimus passen, nach der vierten Klasse auf die Hauptschule. Ab dort geht der Weg des Ignoriertwerdens stetig weiter, natürlich nicht für alle, aber für die meisten. Es ist also klar ersichtlich, dass Dinge wie Bildung, Sprache, Freundeskreis, Migrationshintergrund etc. zwar eine wichtige Rolle in der Entwicklung eines jungen Menschen spielen, aber das alles von der Klassenzugehörigkeit jenes Menschen abhängt. Schließlich spielen Dinge, wie ein Migrationshintergrund, keine große Rolle, wenn man aus einer bürgerlichen Familie kommt, in einem großen Haus aufgewachsen ist und Cello spielt und gleichzeitig Ballett tanzt. Natürlich prägen einen auch einzelne Personen, denen man auf seinem Lebensweg begegnet, doch wird die soziale Zugehörigkeit immer entscheiden bleiben. Deshalb ist es auch genauso ignorant wie unwissenschaftlich und rassistisch, zu behaupten, dass die Kriminalität eine genetische Sache wäre. Es ist vielmehr eine vom bestehenden System absichtlich erschaffene Problematik. Die Moral der herrschenden Gesellschaftsstrukturen beruht eben darauf, zu spalten und zu kategorisieren und da kommen Unterschiede eben recht.

Wie Marx denn schließlich mal schrieb: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ Mit anderen Worten: Der Mensch ist nicht genetisch oder biologisch so, wie er ist, weil er halt so ist, wie er ist, sondern weil er durch seine Umstände und die Gesellschaft  zu dem  gemacht wird, was er ist. Wenn man das Gute in den Menschen hervorbringen möchte, muss man das Böse aus der Gesellschaft verbannen und Rahmenbedingungen dafür schaffen. Zwar eine schwere Aufgabe, aber zu lösen, wenn man zielsicher anpackt!