Glaube vs. Bildung

Alle Individuen haben das Recht auf eine Erziehung, die zur Entwicklung einer selbstbestimmten Lebensgestaltung beitragen soll. Die Voraussetzungen hierfür müssen vor allem Eltern aber aus Sicht der Gesellschaft die Kindergärten und vor allem Schulen schaffen. Junge Menschen brauchen, ihrer geistigen Reife entsprechend, die Möglichkeit, unterschiedliche Auffassungen kennenzulernen und diese kritisch zu hinterfragen.
Ihre Schranken findet eine solche „neutrale Erziehung“ spätestens im Religionsunterricht. In Deutschland muss ausnahmslos jeder Schüler den Religionsunterricht besuchen. Eine richtige Alternative in Form von Unterricht gibt es nicht und nur an wenigen Schulen wird das Fach Ethik oder Philosophie als Alternative angeboten. Stattdessen besuchen die meisten Schüler, die auf christliche Religionserziehung verzichten, Deutsch-, Englisch- oder Mathematik-Förderunterricht.
In Deutschland herrscht Religionsfreiheit, das bedeutet, dass es eigentlich keine Verpflichtung zum Religionsunterricht geben darf. Gleichzeitig darf es keine Verpflichtung für die Nichtteilnahme am Religionsunterricht geben. Es muss also eine andere Unterrichtsform her. Das gezielte und geplante Problem ist aber, dass Kinder, die nicht an konfessionsorientiertem Unterricht teilnehmen wollen, als moralisch-sittlich nachhilfebedürftig diffamiert werden. Vor allem wenn der Ethikunterricht weiterhin als Zwangs-Alternative zum Religionsunterricht noch erteilt wird, dann muss er eigentlich als gleichrangiges Alternativfach zum Religionsunterricht bewertet werden, was de facto nicht der Fall ist.

Da es auch in NRW keine richtige Alternative zum Religionsunterricht gibt, forderte ein Verband von Religionskritikern und Philosophen die Einführung eines neuen Faches: „Lebenskunde“. Am 14. Januar wurde am Oberverwaltungsgericht Münster eine Klage eingereicht, die nun dafür sorgen sollte, dass sich Lebenskunde auch in NRW durchsetzt. Doch vergeblich, denn die Klage wurde zurückgezogen, da das Gericht nach Zahlen fragte, die der Verband aus Datenschutzgründen nicht herausgeben wollte. In Berlin und Brandenburg wird das Fach allerdings schon angeboten.
Im Fach Lebenskunde sollen die Schüler einen Überblick auf alle Religionen erhalten, aber auch lernen, diese kritisch zu hinterfragen. Doch dabei bleibt es nicht: Evolution und Sexualität, Identitätsfragen,  Menschen- und Kinderrechte, Freiheit, Frieden -all das und mehr sind Bestandteil des Unterrichtsfaches. Ein viel größeres Spektrum an Lernstoff als im Religionsunterricht also. Die Schüler sollen dazu mittels moralischem Urteilsvermögen lernen, ihre Fragen selber zu beantworten und nicht wie sonst, still den Anweisungen des Lehrers folgen.
Es wäre also eine perfekte Basis, um an ein laizistisches Bildungssystem anzuknüpfen. Überhaupt, dass sich Kinder und Jugendliche erstmals ausführlich mit dem Thema Sexualität beschäftigen dürfen, ist bahnbrechend. Denn genau Religionsunterricht tabuisiert das Thema, um beispielsweise vor vermeintlichen Coming-Outs zu bewahren. Sexualität, Evolution oder Religionskritik lernen Schüler nicht nur bedingt, sondern fast gar nicht.
Jeder Mensch hat natürlich das Recht, frei und unvoreingenommen seine Religion zu praktizieren, doch sollte die Schule nicht der Ort dafür sein. Eine allgemeine Bildung über alle Weltreligionen, aber auch mit kritischer Bewertung ist eher notwendig, als einseitige Religionspropaganda. Die Instanz Schule hat neben seinem Bildungsauftrag auch einen Erziehungsauftrag, der dafür sorgen soll, dass alle Schüler zu mündigen Erwachsenen heranwachsen. Und das kann nur der Fall sein, wenn Ethik oder Lebenskunde statt nach Konfessionen organisierter Religionsunterricht durchgeführt wird, egal ob christlich, muslimisch oder jüdisch.

Şilan Küçük und Dirim Su Derventli