Reform: Nach Lust und Laune!

Bildung ist in Deutschland eine Ländersache. Was inhaltlich für Schüler einiger Bundesländer ein Vorteil ist, stellt für die Beteiligten anderer Bundesländer einen Nachteil dar. Wenn man die Lehrpläne als Lehramtsstudierende an der Universität durchnimmt und diese miteinander vergleicht, fallen einem insbesondere große Unterschiede in Sozialwissenschaften und Biologie auf, vor allem in Sexualkunde. Während Länder wie NRW die Vielfältigkeit der Sexualität darstellt, möchten Bayern und Baden-Württemberg mit diesem Thema nicht in Berührung gebracht werden.
In diesen Tagen sieht man die Haltung der Kirche noch extremer gegenüber der Offenheit in der Schule. Denn die Diskussion um das Thema Homosexualität entfacht immer mehr, weil die grün-rote Landesregierung eine aufwertende Thematisierung der Homosexualität vorsieht. Die großen Kirchen sind empört und stellen sich entgegen. Es wird sogar eine Online-Petition gegen das Vorhaben von den Kirchen unterstützt, die jedoch sehr umstritten ist.
„Was in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft kontrovers ist, muss nach Überzeugung der Kirchen auch in Bildungsprozessen kontrovers dargestellt werden“, so lautet die Begründung der evangelischen Landeskirchen in Württemberg und Baden, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Erzdiözese Freiburg in einem Schreiben. Sie gehen noch einen Schritt weiter und erklären, dass der Bildungsplan sich am christlichen Menschenbild der Landesverfassung und des Schulgesetzes orientieren müsse. Wo bleibt der Laizismus und wo bleibt die Vielfältigkeit in diesem Land, könnte man fragen. Aber die Schule würde mit solchen Themen Kinder und Jugendliche bei ihrer Suche nach der sexuellen Identität beeinflussen, so die Kirchen.
Bei dem ganzen Diskurs geht es um die Bildungsplanreform, die die Landesregierung vorhat. Hierbei sollen Leitprinzipien für den Schulalltag festgeschrieben werden, welche danach fächerübergreifend unterrichtet werden. Eines dieser Prinzipien ist die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“. Somit sollen Kinder und Jugendliche lernen, andere sexuelle Vorzüge zu respektieren.
Doch das sieht die Kirche ganz anders und lässt sich nicht auf die Argumente ein. Die Online-Petition sorgt für viele diskriminierende Einträge. Es sind in den Internetforen viele „schwulenfeindliche“ Äußerungen zu lesen. Auch wenn sich die Kirche nicht direkt zu diesen Äußerungen positioniert, bestätigt sie doch das Handeln vieler Menschen mit der Unterstützung der Petition. Diese Petition wurde von einem Realschullehrer gestartet, nachdem ein Positionspapier seitens der Regierung verschickt worden war. Derzeit gibt es aber auch viele kritische Meinungen der Petition gegenüber. „Diskriminierung darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben“, so heißt es aus vielen Ecken.
Dieses Beispiel ist jedoch eines von vielen. Mal geht es um die Homosexualität, wieder einmal um die Sexualität zwischen Lehrern und Schülern. Und vielleicht wird in zwei Monaten ein neues Thema aufgedeckt, an das wir heute nicht denken können. Fakt ist, dass diese Bildung nicht im Sinne der Gesellschaft, sondern im Interesse der Herrschenden ist. Eine einheitliche Form der Schule, in der man auf die Wissenschaft, Laizismus, Vielfältigkeit der Gesellschaft und respektvolles Miteinander setzt, könnte der erste Schritt zur Investition in die nächsten Generationen sein und eine Gesellschaft weiterbringen. Festzuhalten ist auch, dass Deutschland nicht nur durch das dreigliedrige Schulsystem selektiert, sondern durch die länderspezifische Aufteilung der Bildung spaltet. Die einen, die in armen Bundesländern und jene, die in reichen Ländern leben und eine elitäre Bildung genießen. Sprich in Deutschland heißt ein NC von 2,0 beim Abitur in NRW nicht dasselbe, wie eine 2,0 in Bayern. Da gilt es anzuknüpfen. Die Bundesregierung sollte die Bildung zu einem ihrer wichtigsten Themen machen und sich mit zentralen Leitprinzipien auseinandersetzen, die dem Frieden, der Forschung und der Wissenschaft dienen. Strukturelle Unterschiede würden dann nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.

Cigdem Ronaesin