Das Kopftuch gibt immer wieder einen Anlass für gesellschaftliche Debatten über die Rückschrittlichkeit des Islams, die Unterdrückung der Frau, über Religionsfreiheit oder die religiöse Neutralität des Staates. Wer bei dem Diskurs jedoch zu kurz kommt, sind die Frauen selbst.

Ob das Tragen des Kopftuches religiöse Pflicht für muslimische Frauen sei, ist unter Islamwissenschaftlern und geistlichen Gelehrten umstritten. Obwohl es zahlreiche, sich auch widersprechende Gutachten vom islamischen Gelehrten gibt, sind diese nicht bindend für muslimische Frauen. Der größte Teil muslimischer Frauen in Deutschland glaubt, dass es einer Muslima nach dem Koran freisteht, ob sie das Kopftuch anlegen möchte. Entscheidende Gründe für Frauen, ein Kopftuch zu tragen, sind nach deren Selbstauskunft ein „öffentliches Bekenntnis zum Islam“, „Gepflogenheit“, „Symbol der Gruppenzugehörigkeit“ und „Druck aus dem sozialen Umfeld“. Die Gründe, welche im Gegensatz dazu von Kritikern des Kopftuches benannt werden, sind die Unterdrückung der Frau, religiöser Zwang oder eine Feindlichkeit gegenüber dem weiblichen Körper. Die Diskussion um das Kopftuch wird häufig zum Anlass genommen, islam- und ausländerfeindliche Rassismen zu bedienen und Ängste gegenüber gläubigen Moslems zu schüren. Nicht selten wird dabei das Bild des jungen salafistischen Mannes genommen, deren Frau mit einer Burka komplett verschleiert ist.

Es ist richtig, dass in vielen Fällen Frauen aufgrund von Zwang oder Erwartungen aus der Familie ein Kopftuch tragen. Hier drängen am häufigsten Mütter ihre Töchter zum Kopftuch. Aber nicht das Kopftuch als ein Stück Kleidungsfetzen unterdrückt die Frau und ebenso wenig befreit es sie. Es sind andere familiäre, soziale und wirtschaftliche Faktoren, die die Unterdrückung von Frauen bestimmen. Und hiervon sind nicht nur muslimische Frauen betroffen. Häusliche Gewalt gegen Frauen, körperliche, sexuelle als auch seelische, lässt sich gesellschaftsübergreifend in Deutschland feststellen. Frauen werden von ihren Partnern geschlagen, von ihren Söhnen und Töchtern seelisch ausgebeutet, von ihren Vätern und Müttern in ihren Freiheiten beschnitten. Eine Studie des Bundesministeriums für Frauen, Senioren, Familie und Jugend von 2004 zeigt, dass die Häufigkeit von häuslicher gegenüber Frauen unabhängig von der Herkunft  ist. Von sexueller Belästigung sind 58 Prozent aller Frauen betroffen, 42 Prozent erlebten schon mal körperliche und zwölf Prozent sexuelle Gewalt.

Die Unterdrückung der Frau ist in der Arbeitswelt ebenso drastisch. Der Anteil von Frauen in geringfügiger Beschäftigung und Teilzeit von 1991 bis 2011 liegt bei knapp 80 Prozent. Frauen mit Migrationshintergrund sind sogar überrepräsentiert. Selbst bei gleicher Arbeit erhalten Frauen weniger Lohn. Auch sind die Chancen von Mädchen mit Migrationshintergrund schlechter, einen Hochschulabschluss zu erreichen oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Außerdem gibt es nur wenige Ausbildungsberufe, in denen muslimische Frauen anzutreffen sind. Arzthelferin, Verkäuferin, Friseurin, Gebäudereinigung. Diese tatsächliche Einschränkung der Lebensperspektive vieler junger Frauen und sind größere Unterdrückung, als der behauptete Kopftuchzwang.

Viele flüchten sich heute freiwillig in das Kopftuch. Vielleicht deswegen, weil ihre erwachsenen Vorbilder ihnen das vormachen, aber auch, weil das Kopftuch als Schutz angesehen wird, den man in einer Gruppe geniesst. Man kann das Kopftuch als rückschrittlich oder eine Art der Unterdrückung verurteilen, wenn man möchte, aber ebenso muss man die verachtenden Blicke verurteilen, die kein Verständnis zeigen, sondern selber nur verachten und ausschließen.

Wenn auch das Kopftuch nicht die größte Sorge muslimischer Frauen ist, so gibt es doch eine Frage, die manche Muslima dahingehend beschäftigt: Ist das Kopftuch im öffentlichen Dienst erlaubt. Hier hat jedes Bundesland seine eigene Lösung gefunden. In Bayern ist das Kopftuch im öffentlichen Dienst verboten, gleichzeitig hängen in vielen Klassenzimmern Kreuze. In Berlin sollte die religiöse Objektivität des Staates durch das Verbot aller religiösen Symbole im öffentlichen Dienst verboten werden. Ob dieses Ziel erreicht ist, bleibt zu bezweifeln. Kommt es doch nicht auf das islamische Tuch oder jüdische Kippa auf dem Kopf, das christliche Kreuz am Hals der Beamten an, sondern auf die strukturelle Gleichberechtigung aller sozialen Gruppen im Land. Grundsätzlich sollte gelten: Jegliche religiöse Symbole sind privat zu betrachten und sollten in staatlichen Institutionen gleichberechtigt nicht erlaubt sein!

Ali Candemir