Alltagsrassismus in der Schule:
 „Migrantenkinder haben niedrigen Bildungserfolg“

 

Das Thema Bildung hat in Deutschland seit langem einen hohen Stellenwert. Besonders nach dem Pisa-Studien-Desaster und dem schlechten Ergebnis des deutschen Bildungssystems haben die Bundesregierung und Erziehungswissenschaftler nach den möglichen Ursachen gesucht. Was und wer hat dazu geführt, dass das deutsche Bildungssystem dermaßen versagt hat, sollte herausgefunden werden. Migrantenkinder standen daraufhin sehr schnell auf der Zielscheibe und wurden gar als eine Bildungsbremse für deutsche Schüler angesehen.
Immer wieder steht das deutsche Bildungssystem zur Debatte, vor allem auch dann wenn sich aktuelle Gerichtsfälle ereignen, die in Verbindung mit Migrantenkindern stehen. Dabei versuchen deutsche Eltern Schulen und Klassen mit einem hohen Migrantenanteil zu vermeiden. Die Begründung ist, die „Türkenklasse“ behindere ihr Kind beim Lernen. Solche und ähnliche Argumente führen klar zum Gedanken des Alltagsrassismus in der Schule. Vor allem nach der Pisa-Studie und den darauffolgenden Kommentaren, in denen Migranten als Sündenbock dargestellt wurden, sind Eltern davon abgeschreckt, ihre Kinder auf Schulen mit hohem Migrantenanteil zu schicken. Aber wie sieht es denn in der Schule genauer aus? Werden deutsche Schüler von Migrantenkindern behindert oder vom Lernen abgehalten? Tatsache ist, was Forscher auch herausgefunden haben, dass durchaus von einer institutionellen Bildungsdiskriminierung in der Schule gesprochen werden kann. Das sei eine Folge von Lehrerhandeln, die die Migrantenkinder als Schüler mit niedrigem Bildungserfolg stigmatisieren. Der Integrationswissenschaftler Haci-Halil Uslucan erklärt „Diskriminierungswahrnehmungen führen auch zu kognitiven Einbußen. So werden Bildungskarrieren gehemmt oder gar gestoppt.“ Bekanntlich werden Migrantenkinder auch bei der Leistungsbewertung von Lehrern benachteiligt, sodass sie bei gleichen Leistungen unterschiedliche Noten gegenüber deutschen Schülern bekommen. Diese Empfindung bestätigt auch die Soziologieprofessorin an der Evangelischen Hochschule Berlin Juliane Karakayali. Seit den Pisa-Ergebnissen von 2001 sähen viele Eltern in Kindern mit Migrationshintergrund in einer Schulklasse als Bildungsrisiko für die eigenen Kinder. Sie erklärt, dass die Zweisprachigkeit dieser Schüler oft als Defizit betrachtet werde, sie würden häufiger bei der Einschulung zurückgestellt oder an Sonderschulen verwiesen. Diese problematische Einstellung von Eltern und Lehrern führe immer wieder zu Streitigkeiten. Karakayali spricht von „negativen Einstellungen“ der Lehrerinnen und Lehrer gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund. Sie behinderten auf diese Weise den Lernerfolg der Kinder, deren Verhalten sie vor allem als Ausdruck einer „fremden Kultur“ wahrnähmen. Analysen haben auch ergeben, dass die Leistungserwartung in Klassen mit einem hohen Migrantenanteil automatisch gesenkt wird. Das ist darauf zurückzuführen, dass manche Lehrer von Migrantenkindern keine guten Leistungen erwarten, da diese nicht dazu fähig seien. Karakayali erklärt, bei Konflikten werden diese kulturalisiert, auch wenn die Ursachen meistens im Schulalltag oder der Interaktion zwischen Lehrern und Schülern zu finden seien. Diese stigmatisierten Einstellungen gegenüber Migrantenkindern machen das eigentliche Problem aus. Der Alltagsrassismus, der teilweise unbewusst, beziehungsweise von den Lehrern selbst nicht so bezeichnet wird, ist wohl immer noch einer der Kernelemente im deutschen Bildungssystem. Die Kulturalisierung von schulischen Misserfolgen und der immer wieder erwähnte Aspekt der Zweisprachigkeit als ein sprachliches Defizit. Erst wenn Schüler mit Migrationshintergrund nicht stigmatisiert behandelt werden und nur mit den schulischen Leistungen und ihrer kulturellen Identität als eine Bereicherung anerkannt werden, kann man von Schulen als Bildungsinstitut sprechen, die frei von Behauptungen wie „Migrantenkinder halten den Lernerfolg der anderen auf“, kurz: frei von Alltagsrassismus sind.

Seval Mengi