Ein Tuch im Mittelpunkt

Zu dem in der letzten Ausgabe erschienenen Artikel „Kopftuch?!?“ von Ali Candemir erreichte uns folgender Leserbrief.

In dem genannten Artikel stellt der Autor sehr schön dar, dass die Religion häufig auf wenige Symbole, wie z.B. auf das Kopftuch im Islam oder das Kreuz im Christentum reduziert wird, wobei diese schließlich auch ausgenutzt werden, um allein über diese Symbolik, Politik über die gesamte, ihr zu Grunde liegenden Religion zu betreiben. Ich möchte im Folgenden etwas näher auf das Interesse der Politik, die Blicke auf Themen wie das Kopftuch zu lenken, eingehen.

Zu Beginn ist zunächst einmal klarzustellen, dass das Kopftuchtragen beispielsweise von dem rechten Flügel der politischen Akteure genutzt wird, um ein Feindbild gegen die dahinter stehende Religion, den Islam, zu erzeugen. Nicht selten sieht man auf ihren Wahlplakaten Frauen mit Kopftüchern, die als Störfaktor für die Gesellschaft dargestellt werden. Es wird immer mehr versucht, das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung darzustellen. Dies scheint auch Erfolg zu haben. So hört man nicht selten Aussagen wie ,,Sie trägt ein Kopftuch, dazu zwingt ihr Mann sie bestimmt‘‘. Solche und ähnliche Vorurteile nehmen der Gesellschaft die Chance, individuelle Entscheidungen wie das Tragen eines Kopftuches, als ein Teil des persönlichen Rechtes, sich individuell fei zu entfalten, anzunehmen. Zu diesem Recht gehört auch das Ausleben der Religion nach eigenem Willen.

Wie der Autor im Laufe des Artikels verdeutlicht, ist die Unterdrückung der Frau keineswegs eine alleinige Folge religiöser Überzeugung. Welche Religion kann beispielsweise erklären, weshalb eine Frau in einem ach so fortgeschrittenen Land wie Deutschland für die gleiche geleistete Arbeit noch immer weniger Lohn erhält, als ein Mann? Weder im Koran, noch in der Bibel, der Thora oder den Veden wird sich eine explizite Erklärung hierfür finden. Lediglich die Profitgier der wirtschaftlichen Akteure bietet einen Erklärungsansatz. Auch die Reduzierung der Frau auf ihren weiblichen Körper, wie es tagtäglich in diversen Sendungen öffentlicher und privater Fernsehsender dargestellt wird, ist eine Objektivierung und damit Unterdrückung der Frau in ihrer Persönlichkeit.                                                                                               Um von diesen und weiteren grundlegenden Problemen, abzulenken, werden jedoch harmlose Dinge wie Tücher in den Mittelpunkt gerückt, um eine Spaltung der Gesellschaft zu erzielen. Denn nur, wenn die Menschen mit sich gegenseitig beschäftigt sind, kommen sie nicht auf die Idee, bestehende sozial-politische Umstände kritisch zu betrachten.

 

Gülcan Mercan