Jugend = Generation Kapitalismus

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Viele behaupten, so auch die Unternehmensberater von McKinsey, die meinen, herausgefunden zu haben, dass die Jugend von heute nicht in der Lage sei, ordentlich zu arbeiten. Wer hat denn etwas anderes erwartet? Schaut man sich die Bedingungen heutzutage an, so sollte man sich nicht wundern.

Doch vorerst zu der Frage: was ist denn überhaupt „richtig arbeiten“? Vor allem: Wo ist das denn heute überhaupt möglich? Ist doch sehr interessant, dass McKinsey Berater herausgefunden haben, „dass die Jugend von heute nicht mehr ordentlich arbeitet“ und das von einer Institution, von der man nicht mal weiß, was sie selber überhaupt macht! Worauf stützt sich diese Aussage und kann man diese so verallgemeinern? Aber unterstellt man den McKinsey-Leuten, sie hätten recht: Was sollte uns diese Aussage denn nun sagen? Fragen über Fragen, aber einige Tatsachen gibt es ja schon.

Würde man ältere Generationen fragen, ob wiederum ihre Vorgängergeneration sich über ihre Lebensweisen beschwert haben, würde man wahrscheinlich auch nur hören: Ja. Und ginge man so weit zurück, dass man den ersten Menschenaffen träfe, würde man vom Baum nur ein Meckern der Elterngenerationen wahrnehmen, die sich darüber beschweren, dass ihr Zögling auf zwei Beinen auf dem Boden watscheln will. Das ist wahrscheinlich das normalste und liegt daran, dass man vieles aus der eigenen Jugend nicht kennt, da wir in einer sich stetig verändernden Welt leben. Man hört vieles, „die Jugend ist nur in Shisha-Bars“, „sie haben kein Respekt“ oder „immer Handy in der Hand“ uvm. Wenn wir die alten Lehrer, Ausbildungsleiter oder Chefs von unseren Eltern über sie ausfragen würden, dann würden wir bestimmt auch nur negative Sachen hören. Vielleicht auch solche, die wir nicht erwarten, wie „Nichtsnutz“, „langhaariger Penner“, „Terrorist“ oder ähnliches.

Wir erleben eine Trendwende, die nicht unbedingt in unserem Sinne ist. Wer beschwert sich denn da? Klar, die Arbeitgeber sind immer unzufrieden und wollen immer nur ihre Profitraten erhöhen. Aber wenn wir diese mal einmal außer Acht lassen. Es sind diejenigen, welche aus geburtenstarken Zeiten stammen und 50+ sind. Das Sagen heute haben genau diejenigen. Also ist die Jugend von heute, auch als Berufsanfänger, ihren Vorgesetzten ganz klar rein mathematisch unterlegen. Der neue Trend zeigt einen umgekehrten Anpassungsdruck, also nicht wie gewohnt von jung nach alt, sondern eher von alt nach jung. Klar nach dem Motto, wer in der Mehrzahl ist, hat gewonnen. Früher dachten die älteren Menschen, man müsse mit der Zeit gehen und versuchten hip zu sein und jung zu bleiben. Jetzt müssen sich die Jungen den Älteren annähern. Natürlich wollen sie das nicht immer oder bekommen es nicht hin. Und hier denkt die ältere Generation einfach, die Jugend sei faul, lustlos oder zu nichts zu gebrauchen.

Zurück zur McKinsey-Studie, welche die Jugend für „lustlos“ empfindet und die „Arbeitsmoral“ bemängelt. Natürlich ist die Jugend unmotiviert, lustlos und hat kaum noch eine Arbeitsmoral, nach den G8-Veränderungen, den Zentralabiprüfungen, dem Bachelor, der Arbeitsmarktsklaverei im Sinne von Minijobs und prekärer Beschäftigung. Was für eine Perspektive bleibt den Jugendlichen denn noch? Keine! Die Jobs werden immer langweiliger, da alles immer schneller, besser und günstiger gehen muss. Sogar die Ausbildungen ähneln sich mittlerweile bis zum geht nicht mehr. Alles scheint gleich zu sein und es kommt nicht mehr auf Bildung oder gar Forschung an, sondern eine reine Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Profit und Profit ist das Zauberwort. Und dazu noch mehr Arbeitsjahre, weil man früher anfängt und bis in den Grab schuftet. Also liebes McKinsey, nun verstanden warum Jugend auch lustlos sein darf?

Schauen wir mal auf die Hochschulen: Studierende haben ein geringes Selbstwertgefühl, keine wirkliche Spur mehr von Freiheit oder Forschungsdrang. Es wird nur das nötige getan und leider auch nur genau das, was verlangt wird, kein Gramm mehr. So wohnt auch jeder vierte Student noch zu Hause bei Mami und verliert auch den letzten Freiheitswillen eines Erwachsenen. Es scheint, als züchte diese Gesellschaft nur noch ausbeutbare und widerspruchslose Konsumenten.

Turbo-Abi und Expressstudium sorgen für eine lückenlose Biografie bei den Jugendlichen, so dass man schneller in der Firma oder im Job steckt, als man denkt. Natürlich falls man was findet. So gibt es aber keine Zeit mehr für eine Reflexion, keine Möglichkeit zur Orientierung, ob man auf dem richtigen Weg ist. Es gibt nur noch Fakten, nur noch Fachkompetenz wird gefordert, statt Bildungsideale oder ein drang nach Erkenntnis. Es ist nur noch ein Kampf als Jugendlicher, möglichst vielen Erwartungen zu entsprechen, um Beispielsweise eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Aber so wird die Jugend nie die Lücken in der Rentenkasse und auf dem Arbeitsmarkt füllen können. Das sind nur Hirngespinste des Systems.

Eigentlich sind Jugendliche eine Rarität hierzulande. Wie Gold oder Diamanten. Wir sollten wissen, Deutschland ist das zweitälteste Land auf diesem Planeten. Auf 1000 Einwohner werden jährlich nur acht Kinder geboren. Gerade deswegen sollte man doch der Jugend jede Möglichkeit bieten, ihre Stärken zu finden und gefördert zu werden, statt gleichgeschaltete, nichtdenkende Konsumenten zu züchten, die freiwillig ihren eigenen Willen abtreten – vor lauter Lustlosigkeit.

Suphi Sert