Wenn ausländische Schüler 63 Prozent einer Klasse ausmachen, nennt man das Alltagsrassismus

Pinar Aki

Integrationsforscher glauben, dass das deutsche Schulsystem einen besseren Bildungserfolg vieler Kinder ausländischer Herkunft verhindert. Mit diesem Glauben geben sie Eltern von drei Schülern türkischer und arabischer Herkunft recht, die derselben Meinung waren und deshalb ein Berliner Gymnasium für den schulischen Misserfolg ihrer Kinder verantwortlich machen wollten. Sie klagten vor Gericht, dass ihre Kinder aufgrund des hohen Ausländeranteils in der Klasse in ihren Chancen benachteiligt hätten.

44.700 ausländische Kinder und Jugendliche seien zur Zeit in Sonderschulen „abgeschoben“ worden, Realschulen und Gymnasien blieben diesen Schülerinnen und Schülern dagegen meist verschlossen. Diese Statistik konnte man zumindest vor genau 10 Jahren einem Bericht der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) entnehmen. Doch seitdem 2012 die früher verbindlichen Grundschulempfehlung für die weiterführenden Schulen endeten und die Eltern somit heute die freie Wahl haben, auf welche Schulform ihr Kind gehen soll, sehen die Statistiken wesentlich anders aus. Wechselte im Schuljahr 2011/12 noch fast jeder zweite Abgänger aus der Grundschule ohne deutschen Pass auf eine Haupt- oder Werkrealschule, so war es im darauf folgenden Schuljahr nur noch gut jeder vierte. Heute gehen Kinder mit ausländischem Pass verstärkt auf Realschulen und Gymnasien. Statistiken zufolge ist in Köln sogar die Zahl ausländischer Schüler an Gymnasien viel höher als die Zahl deutscher Schüler.

Einige Eltern, komischerweise gerade die, die sich über solche Statistiken freuen dürften, finden dies jedoch nicht so toll und denken, dass der schulische Misserfolg ihrer Kinder darauf zurückzuführen sei, dass der Anteil ausländischer Schüler in einer Klasse zu hoch sei. So sahen es auch Eltern dreier ausländischer Schüler eines Gymnasiums in Berlin Neukölln und gingen deshalb rechtlich dagegen vor.

Eltern klagten ein Berliner Gymnasium an

Im vergangenen September hatte die Klage der Eltern der beiden türkischen Schüler und ihres arabischen Klassenkameraden gegen die Berliner Schulverwaltung Aufsehen erregt. Damals waren die Eltern vor Gericht gezogen, weil ihre Kinder das Probejahr in der 7. Klasse am Gymnasium nicht bestanden hatten. Sie warfen dem Leonardo-da-Vinci-Gymnasium im Berliner Ortsteil Neukölln vor, ihre Kinder in einer Klasse mit viel zu hohem Migranten-Anteil untergebracht zu haben. Dies habe sie am Schulerfolg gehindert. „In der Klasse meiner Mandanten waren 63 Prozent Schüler sogenannter nicht deutscher Herkunftssprache. In zwei Parallelklassen waren es nur 13 beziehungsweise 29 Prozent“, sagte der Anwalt der Familien, Carsten Ilius.                                   Ein solch gravierender Unterschied wirke diskriminierend. „Die Klasse wurde als Türkenklasse stigmatisiert“, sagte Ilius. Darin drücke sich unterschwellig ein auch an Schulen vorhandener „Alltagsrassismus“ aus, der den einzelnen Schüler in seiner Entfaltung behindere.

Lehrer behindern Lernerfolg

Von einer problematischen Entwicklung sprach auch Juliane Karakayali, Soziologie-Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin. Seit den Pisa-Ergebnissen von 2001 denken viele Eltern, dass viele Kindern mit Migrationshintergrund in einer Schulklasse ein Bildungsrisiko für die eigenen Kinder darstellt.

Dabei sei der „geringe Bildungserfolg“ der Migrantenkinder „Folge einer spezifischen, institutionellen Bildungsdiskriminierung“, sagte sie. Die Zweisprachigkeit dieser Schüler werde oft als Defizit betrachtet, sie würden häufiger bei der Einschulung zurückgestellt. „Bei gleichem Notendurchschnitt werden sie seltener fürs Gymnasium empfohlen“, sagte Karakayali. Sie sprach von „negativen Einstellungen“ der Lehrerinnen und Lehrer gegenüber Kindern mit Migrationshintergrund. Sie behinderten auf diese Weise den Lernerfolg der Kinder, deren Verhalten sie vor allem als Ausdruck einer „fremden Kultur“ wahrnähmen.