Hakan? Ne, doch lieber Tim

 Trotz einer hohen Qualifikation und deutsch als Muttersprache sind Bewerbungen häufiger erfolglos, denn es gibt da noch ein Manko: der türkische Name im Lebenslauf!

Als würde es nicht schon ohnehin genügen, dass der Ausbildungsmarkt für zu viele Jugendliche versperrt bleibt und sie viel mehr kosten- und nervenaufwendige Bewerbungen abschicken müssen, als manch Andere vor ewigen Zeiten, müssen bestimmte Bewerber häufiger mit einer Ablehnung rechnen. Denn Schulabgänger mit einem türkisch klingenden Namen müssen mehr Bewerbungen schreiben als Jugendliche mit einem deutschen Namen. Auch wenn sie die gleiche Qualifikation haben, wie Bewerber mit deutschen Namen, haben sie, einer aktuellen Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen zufolge schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz. „Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun“, sagte Studienleiter Jan Schneider.

Ein Bewerber mit deutschem Namen müsse im Schnitt 5 Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, was auch schon auf eine viel zu schlechte Ausbildungssituation verweist. So müssen jedoch Mitbewerber mit türkischem Namen 7 Bewerbungen schreiben. Obwohl in den Medien immer von einem Fachkräftemangel und von zu vielen offenen Lehrstellen die Rede ist, werden nach wie vor viele Ausbildungssuchende in Arbeitsmaßnahmen gesteckt und in Warteschleifen geparkt.

 

Die strukturelle Diskriminierung und Selektion fängt schon in der Grundschule an. Viele Kinder mit Migrationshintergrund, die die Fähigkeiten besitzen ein Gymnasium zu besuchen werden aufgrund ihrer ethnischen Herkunft unterschätzt und eher auf Haupt- und Realschule geschickt, als Kinder deutschen Ursprungs mit gleicher Qualifikation. Trotz des Besuchs der Haupt- oder Realschule später das Abitur zu erwerben und zu studieren ist um einiges schwerer, als wenn man von Anfang an das Gymnasium besucht.

 

Ein Blick in die Ausbildungsstatistik zeigt: Nicht einmal 30 Prozent der ausländischen Bewerber mit mittlerem Schulabschluss bekamen 2011 einen Ausbildungsplatz, bei den deutschen Bewerbern waren es fast 50 Prozent. Die Forscher der SVR-Studie hatten für ihre Untersuchung die Bewerber „Tim“ und „Hakan“ erfunden. Sie wollten herausfinden, ob es für Jugendliche mit türkischem Namen tatsächlich schwieriger ist, einen Ausbildungsplatz zu finden. Mehr als 3.500 Bewerbungen verschickten sie an 1.750 Unternehmen. Jede Firma bekam eine Bewerbung sowohl von „Tim“ als auch eine von „Hakan“. Die beiden fiktiven Bewerber seien auf der selben Schule und beide überdurchschnittlich qualifiziert. Das Ergebnis: Für eine Lehrstelle als Automechaniker musste „Hakan“ sieben Bewerbungen verschicken, bis er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, „Tim“ hingegen nur vier.

In einer anderen Branche wurden Bewerbungen von zwei neuen fiktiven Bewerbern geschrieben. Für die Ausbildung als Bankkaufmann erhielt „Lukas“ nach sechs, Ahmet aber erst nach sieben Bewerbungen eine Einladung. Demnach tritt „Diskriminierung nicht in allen Branchen gleichermaßen auf. Einen wichtigen Einfluss auf das Ausmaß der Ungleichbehandlung hat vor allem die Unternehmensgröße: Die Diskriminierungsrate ist bei kleinen Firmen mit weniger als sechs Mitarbeitern deutlich höher als bei mittleren und großen Unternehmen“ erläuterte Schneider.

 

Die Autoren der Studie sind der Meinung, die Methode der anonymisierten Bewerbungen ohne Angaben von Name, Alter, Geschlecht oder Foto könnten für Fairness sorgen. Betonen aber zugleich, dass dies allein fraglich sei, um der ungleichen Auswahl ein Ende setzt.

Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, hatte im Dezember 2010 ein Pilotprojekt initiiert: Das anonymisiertes Bewerbungsverfahren testeten Unternehmen wie die Deutsche Post. „Tatsächlich herrschte bei dem Bewerbungsverfahren Chancengleichheit im Rennen um ein Vorstellungsgespräch“, sagte Lüders. Mehr als 8550 Bewerber haben sich beworben und 1293 wurden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Die großen Unternehmen wie die Deutsche Post, L Òreal oder die Telekom wollten mit dieser Methode jedoch künftig nicht weiter verfahren. Anonym bleiben ist also nicht nur erfolglos, es ist zugleich auch eine Art sich mit solch einer Diskriminierung zufrieden zu geben und sich dem anzupassen, anstatt diesem Problem entgegen zu wirken.

Pinar Aki