NSU-Berichterstattung als Sitcom?

 

Immer mehr scheint die Aufmerksamkeit um den NSU-Prozess im Münchner Oberlandesgericht in Vergessenheit zu geraten. Vereinzelt sind noch Artikel und Berichterstattungen in Zeitungen zu finden, die Fernsehsender zeigen keine Sekunde über das Thema. Doch, wenn was veröffentlicht wird, dann über Sensationsthemen, die emotional bewegend sind und mit denen man hohe Verkaufszahlen erreicht. Diese Meinung etabliert sich immermehr bei den Mitverfolgern des Prozesses um das vermutlich letzte Mitglied der NSU-Terrorzelle.

Deutlich wurde diese Meinung auch bei einer Veranstaltung des Münchner Bündnisses gegen Naziterror und Rassismus in Zusammenarbeit mit der Kölner „Initiative Keupstraße ist überall“.

Aus den Feststellungen der Referenten, welche zum Teil aus Köln extra nach München eingereist waren, hörte man eine Enttäuschung zum Verlauf der Prozesse heraus. Mitat Özdemir von der „Interessengemeinschaft Keupstraße“ betonte mehrmals wie die Anwohner der Keupstraße nach dem Anschlag öffentlich diskreditiert wurden. Wichtig war es für ihn zu erwähnen, wie sie von Seiten der Behörden, Medien und Öffentlichkeit „7 Jahre unmenschlich gequält“ wurden. Kutlu Yurtseven von Microphone Mafia deutete darauf hin, dass man versucht hatte „die Vorurteile zu bekräftigen, die gegen die türkische und kurdische Community vorherrschen.“ Gleichzeitig wies er auch auf die Behandlung der Anwohner seitens der Polizei hin, indem er schilderte wie sie im Zuge der Aufarbeitung verhönt wurden.

 

Bekräftigt wurde die Kritik der Gäste an die Öffentlichkeit auch durch den Vortrag der Journalistin A. Sembol, welche im Namen des NSU-Watch die Prozesse verfolgt und regelmäßig besucht. Sie bemängelte erneut die Teilnahme der Presse und von Einzelpersonen am Prozess, anhand einer Frage. „Wenn Elif und Gamze Kubasik kommen, sind keine Besucher da. Wenn aber Familie Böhnhardt kommt sind alle Reihen voll, sowohl im als auch vor dem Gericht. Warum eigentlich?“

Eine Antwort auf ihre Frage bekam A.Sembol während der Veranstaltung zwar nicht, deckte aber damit eine klare Problematik des Prozesses auf.

 

Der Prozess ist mittlerweile nicht mehr „der Jahrhundertprozess“, wie es zu Beginn propagiert wurde. Es scheint eine neue Natur angenommen zu haben, welche bereits vorab von Anwälten und erfahrenen Journalisten dargelegt wurde. In Zeiten von fehlenden Spektakeln wird die NSU-Thematik erneut aus der Schublade geholt, um Lücken zu füllen und die Gemüter auf Trab zu halten.

Ein Unterhaltungsstatus jedoch um die Bevölkerung hinzuhalten, ist keineswegs hinnehmbar, zumal die Hintergründe die zur Gründung des NSU führten das gesellschaftliche Leben in Deutschland reflektieren.

 

Ebenso spiegelt die Atmosphäre im Gerichtssaal die Reaktionen des Gesellschaft wider. Die Befragung der Zeugen und insbesondere der Angehörigen „ähnelt einem Verhör“, so Frau Sembol. Das gleicht der Behandlung der Angehörigen nach den jeweiligen Morden, eine Rolle der Schuld wird zugewiesen, als hätten diese eine Mitschuld an den Morden. Eine Situation, die man nach dem Bekanntwerden des Trios 2011 versucht hatte, mit halbherzigen Entschuldigungen zu überwinden.

Betrachtet man die Angelegenheiten um die Keupstraße genauer, stechen die Äußerungen des Kölner Polizeipräsidenten Albers hervor. „Die Ermittler hatten damals gemacht, was gemacht werden musste“ behauptete Albers bei einer Podiumsdiskussion.

 

Neben den Aussagen der Kölner Gäste und der Fachbeauftragten waren vor allem die Ansichten des Nebenklägeranwalts Alexander Hoffmann sehr aufschlussreich. A. Hoffmann etablierte sich bereits vorher in der antifaschistischen Szene und vertritt im Prozess eine Anwohnerin, die beim Nagelbombenanschlag in Köln verletzt wurde. „Die Nebenkläger haben beschränkte Mittel, aber wir versuchen, was wir können“ wiederholte Hoffman mehrmals. Die Generalbundesanwaltschaft behindere die Arbeit der Nebenklage vehement und bestärke Zeugen, welche schlichtweg keine Äußerungen machen wollen.

 

Ein Wandel des Prozesses zu einer Sitcom, welche von Staffelfinale zu Staffelfinale interessant wird, ist ausschlaggebend für die derzeitige Situation der Berichterstattung. Die Umstellung der Massenmedien von einer informationsvermittelnden Instanz zu profitorientierten Unternehmen wird auch in Zukunft zu Lasten der Bevölkerung geschehen.

Sinan Cokdegerli