„Rassistischen Ermittlungsmethoden der Polizei und Justiz“

 

Peter Bach lebt seit 40 Jahren in Köln-Mülheim, wo sich die berühmte Keupstrasse befindet. Er ist Mitglied der Geschichtswerkstatt und der Initiative „Keupstraße ist überall“. Wir haben ihn nach seinen Eindrücken über den NSU-Prozessverlauf gefragt.

 

Kannst du kurz eure Arbeit und die Zusammensetzung des Bündnisses vorstellen?

Die Initiative „Keupstraße ist überall“ ist aus einer Veranstaltungsreihe in der Keupstraße entstanden. Es ging um die Erfahrungen in der Straße, den NSU, den Prozess. Unter dem Titel „Dostluk Sinemasi“ (Kino der Freundschaft) wurden Filme über die Geschichte rassistischer und rechtsradikaler Verbrechen in Deutschland und die Gegenbewegungen gezeigt.

In diesen Veranstaltungen erfuhren wir viel über die schmerzhaften Erfahrungen der Bewohner_innen mit dem Bombenanschlag und den rassistischen Ermittlungsmethoden von Polizei und Justiz in den folgenden sieben Jahren.

Als uns Nebenklägeranwälte die isolierte und beängstigende Situation schilderten, die die Opfer und ihre Angehörigen in München beim Prozess erfahren, wurde spontan beschlossen, wir fahren mit nach München. Daraus entwickelte sich die Initiative.

 

 

Wie ist die Resonanz, die ihr seitens der Anwohner der Keupstraße und der Medien bekommt?

Schon bei unseren Treffen kamen bis zu 70 Leuten zusammen, davon immer welche aus der Keupstraße und ihrer Umgebung. Zu drei Veranstaltungen in Köln in den letzten zwei Wochen kamen über 250 Leute, um sich über die Situation in der Straße und im Prozess zu informieren und viele trugen sich in die Interessentenlisten ein, mit nach München zu fahren. Hier in Mülheim erlebten über 150 Leute die Berichte der Betroffenen über den Tag des Anschlags am 9.6.2004 und die sieben Jahre der Verdächtigung und Verfolgung bis zur Aufdeckung der Täterschaft des NSU am 4.11.2011. Es gab Ankündigungen, Interviews und Berichte in der Stadtrevue, dem Kölner Stadtanzeiger, der Rundschau und im WDR.

 

 

Was ist das Ziel des Bündnisses und welche Aktionen sind bis jetzt gelaufen?

Das direkte Ziel der Initiative ist die Organisierung der gemeinsamen Fahrten nach München. Wir möchten dafür sorgen, dass sich die Betroffenen, Zeug_innen und Nebenkläger_innen während der gesamten Zeit des Verfahrens über den Keupstraßenanschlag eines Rückhalts im und vor dem Gerichtssaal sicher sein können. Der rechte Terror hat die Isolierung der Migranten zum Ziel, die diskriminierenden Ermittlungen sind dieser Logik gefolgt. Wir wollen Zeichen setzen, dass beide das Gegenteil erreichen.

Ich glaube, im Stadtteil und in Köln sind deutliche Zeichen spürbar, wie sich Verständnis, Respekt und Freundschaft entwickeln. Das ist die Basis dafür, dem Rassismus den Boden zu entziehen.

 

Welche Erfahrungen habt ihr als Bündnis gesammelt?

Die drei Veranstaltungen und die Auftritte der Initiative in Diskussionen und auf der Straße haben gezeigt, dass eine große Offenheit für antirassistische Initiativen besteht.

Unser Vorhaben, gemeinsam in München Präsenz zu zeigen ist nicht ganz unkompliziert: Wir wissen noch keinen Termin für die Verhandlung über den Anschlag in der Keupstraße. Sollte es erst April sein, wird jetzt schon von Juli geredet. Wir können also nur kurzfristig planen. Es wird an drei Tagen in der Woche verhandelt: Dienstag/Mittwoch/Donnerstag. Jeweils zum Wochenanfang möchten wir mit einem Bus dort hinfahren. An den anderen Tagen werden es weniger Leute sein, aber es soll nie keine_r sein!

 

 

Organisiert ihr euch nur in Köln?

Wir sind nicht nur aus Köln und Umgebung. Letzte Woche ist eine große Kölner Delegation auf einer Veranstaltung des dortigen Prozessnetzwerks im Münchener DGB-Haus vor mehr als 200 Leuten aufgetreten. Auch dort wird mobilisiert. Es ist ein Brief an die antirassistischen Initiativen in allen Orten gegangen, in denen der NSU gemordet hat, um sie zu einem gemeinsamen Vorgehen einzuladen. Am Wochenende waren einige von uns in Kassel zum Jahrestag der Ermordung von Halit Yozgat.

Zum Prozessteil „Keupstraßenanschlag“ wollen wir versuchen, nicht nur in Mülheim und in Köln, sondern auch in München ein deutliches Zeichen für ein Zusammengehen gegen Rassismus setzen.

Cigdem Ronaesin