Dort, wo man Bücher verbrennt….

Die Geschichte der Menschen ist geprägt von Bücherverbrennungen. Überall da, wo Herrscher eine Meinung nicht akzeptieren wollten, war Vernichtung von Büchern die Konsequenz. Die Gründe waren moralisch, politisch oder auch religiös motiviert. Über Jahrhunderte hinweg waren die Begründungen die gleichen: Die Aussagen der Bücher seien politisch untragbar, falsch, gefährlich, verleumderisch, obszön oder verderblich. Als die bekanntesten Bücherverbrennungen gelten die seitens der römisch-katholischen Kirche, die bereits in den Anfängen der Religion stattfanden und ihren Höhepunkt in der Inquisition erreichten. Auch die Verbrennungen 1933 im nationalsozialistischen Deutschland haben Geschichte geschrieben. Alles, was der Regierung und der Kirche im Wege stand, wurde vernichtet. Auch die Bücher – Reichtum der Menschheit und Beweise der Geschichte.

 

Als das Regime befahl, Bücher mit schädlichem Wissen

Öffentlich zu verbrennen, und allenthalben

Ochsen gezwungen wurden, Karren mit Büchern

Zu den Scheiterhaufen zu ziehen, entdeckte

Ein verjagter Dichter, einer der besten, die Liste der

Verbrannten studierend, entsetzt, daß seine

Bücher vergessen waren. Er eilte zum Schreibtisch

Zornbeflügelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber.

Verbrennt mich! schrieb er mit fliegender Feder, verbrennt mich!

Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht

Immer die Wahrheit berichtet in meinen Büchern? Und jetzt

Werd ich von euch wie ein Lügner behandelt! Ich befehle euch, Verbrennt mich!

(Bertolt Brecht: Die Bücherverbrennung)

 

Bücherverbrennung 1933

Während dem Nationalsozialismus vernichteten Hitler und die Nationalsozialisten alles, was ihnen im Wege stand: Kunst, Musik, Bücher, einfach die ganze Kultur. Die Deutsche Studentenschaft (DSt) spielte die Hauptrolle während der Bücherverbrennung dieser Zeit. Diese Gruppe war bereits während der Weimarer Republik nationalistisch geprägt und auch an den Universitäten war eine chauvinistische Stimmung zu spüren. Die Gruppe wurde ab dem Sommer 1931 von einem Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) geführt, weil er 1931 bei den AStA-Wahlen 44,4 Prozent der Stimmen bekommen hatte. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurden die beiden Gruppen zu Konkurrenten und stritten sich um die Vorherrschaft. Um stärker aufzutreten, wurde drei Monate nach der Machtergreifung im März 1933 in der Reichsleitung der Deutschen Studentenschaft“ ein „Hauptamt für Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft“ gegründet. Diese startete direkt mit einer vierwöchigen Aktion, die am 12. April beginnen und von Hans Karl Leistritz, später ein führender Propagandafunktionär im Hauptschulungsamt der NSDAP, geführt werden sollte. Die Aktion bestand darin, Bücher zu verbrennen. „Der jüdische Geist, wie er sich in der Welthetze in seiner ganzen Hemmungslosigkeit offenbart, und wie er bereits im deutschen Schrifttum seinen Niederschlag gefunden hat, muss aus diesem ausgemerzt werden.“, so hieß es zur Begründung der Bücherverbrennung. Konkret für die Hochschulpolitik hieß es, die Eroberung dieser durch die SA. Als erster Schritt sollten Kampfausschüsse wider den undeutschen Geist gebildet werden. Zu dem sollten zwei Studenten, ein Professor, ein Vertreter des Kampfbundes für Deutsche Kultur und eine Schriftsteller angehören.

 

Nach dem Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 ging ein Schreiben an Studenten, die sie über die Aktion informieren sollte.

„Die Deutsche Studentenschaft plant anläßlich der schamlosen Greuelhetze des Judentums im Ausland eine vierwöchige Gesamtaktion gegen den jüdischen Zersetzungsgeist und für volksbewußtes Denken und Fühlen im deutschen Schrifttum. Die Aktion beginnt am 12. April mit dem öffentlichen Anschlag von 12 Thesen, Wider den undeutschen Geist’ und endet am 10. Mai mit öffentlichen Kundgebungen an allen deutschen Hochschulorten. Die Aktion wird — in ständiger Steigerung bis zum 10. Mai — mit allen Mitteln der Propaganda durchgeführt werden, wie: Rundfunk, Presse, Säulenanschlag, Flugblätter und Sonderartikeldienst der DSt-Akademischen Korrespondenz.“

 

Noch einen Tag vor der Aktion befahl der Führer der NSDtB, Oskar Stäbel, die Aktion der DSt nicht zu unterstützen, sondern die Führung zu übernehmen.

 

Neben der “Schwarzen Liste”, die als Grundlage für die Bücherverbrennungen diente, gab es neun Feuersprüche, in denen einige den Nazis verhasste Autoren und Wissenschaftler besonders herausgestellt wurden. Diese Feuersprüche wurden beim Verbrennen der Bücher ausgerufen:

Die “Feuersprüche” lauteten wie folgt:

1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.

2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Förster.

4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.

5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.

6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewußte Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.

7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.

9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!

In fast jeder Stadt gab es Großverbrennungen, Häuser und Bibliotheken wurden durchforstet und Schätze wurden verbrannt. Erich Kästner war sogar Zeuge der Verbrennungen seiner eigenen Bücher in Berlin und beschrieb dieses schreckliche Ereignis wie folgt:

„Und im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster feierlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend bei Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. Der Kopf einer zerschlagenen Büste Magnus Hirschfelds stak auf einer langen Stange, die, hoch über der stummen Menschenmenge, hin und her schwankte. Es war widerlich. Plötzlich rief eine schrille Frauenstimme: „Dort steht ja Kästner!“ Eine junge Kabarettistin, die sich mit einem Kollegen durch die Menge zwängte, hatte mich stehen sehen und ihrer Verblüffung übertrieben laut Ausdruck verliehen. Mir wurde unbehaglich zumute. Doch es geschah nichts.“

 

Die Nationalsozialisten haben eine Generation vernichtet. Doch sie sind nur ein Beispiel von vielen. In der Türkei verbietet die Regierung heute noch alles, was ihr im Wege steht. Mit einer sinnlosen und erfundenen Begründung konnte die AKP-Regierung während der Gezi-Proteste den Fernsehsender Hayat TV verbieten. Oder auch soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook für einige Stunden und Tage schließen. Überall und immer, wo Regierung die Wahrheiten nicht akzeptieren wollen, werden diese ausgeleuchtet, besser gesagt verbrannt, als ob es sie nie gegeben hätte. Wahrheiten werden durch Lügen umgetauscht, indem sie durch Scheiterhaufen ersetzt werden. Wer so blind vor Macht- und Profitgier ist, wird es auch wagen, einen Schritt weiterzugehen und seinem Volk zu schaden. Denn Heinrich Heine hat es genau auf den Punkt gebracht.

 

„Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ (Heinrich Heine)

 

ÇİĞDEM RONAESİN