Was vom Festival auf der Keupstrasse zurückbleibt

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Vor 10 Jahren wurde die Keupstrasse in Köln-Mülheim zum Schauplatz einer Bombenexplosion, die, wie sich Jahre später herausstellte, durch die faschistische NSU durchgeführt worden war. Deswegen wurde zum zehnten Jahrestag ein Festival gegen Rassismus auf der Keupstr. veranstaltet.

Drei Tage lang und mit mehr als 170.000 Besuchern setzte die Veranstalterinitiative ein Zeichen gegen Rassismus nach dem Motto “birlikte – zusammenstehen!”. Die offiziellen Behörden nutzten diese große mediale Veranstaltung zur Reinigung ihrer Gewissen und Vertuschung ihrer Fehler. Vor ungefähr zu 10 Jahren, am 9. Juni 2004, wurde die Keupstr., der Lebensmittelpunkt vieler türkeistämmiger Kölner, zu einem Tatort polizeilicher Ermittlungen. Aus Richtung des früheren Kabelfabriks auf der Schanzenstraße wurde eine Nagelbombe auf einem Fahrrad in die Keupstraße transportiert. Die Attentäter, die eine “maximale Tötung von Türken” planten, platzierten diese Bombe vor einem Friseurladen. Als die Uhr 15:10 zeigte, wurde die Nagelbombe ferngesteuert gezündet. Die durch die Detonation in alle Richtungen geschleuderten 10 cm langen Nägel verletzten insgesamt 22 Menschen.

Kein rechtsradikaler Hintergrund

Sowas hatte die Keupstrasse zum ersten Mal erlebt. Niemand wußte, was passiert war, es ging so schnell. Und genauso schnell kamen die Fragen auf: Wer hat es getan? Was war das Ziel? Warum gerade in dieser Strasse? Noch wußte niemand etwas und die Fragen standen einfach so im Raum, stellte sich der damalige Innenminister Otto Schilly (SPD) vor die Kameras und beendete die Diskussion, indem er eine rassistische Motivation kategorisch ausschloss: „Ein rechtsradikaler Hintergrund kann ausgeschlossen werden, vielmehr ist es das Resultat einer türkisch-kurdischen Auseinandersetzung“. Er musste diese Aussage nicht mal begründen. Niemand hinterfragte seine Worte und in der Keupstrasse, aber auch in ganz Deutschland  fingen die gegenseitigen Beschuldigungen unter den türkischen und kurdischen Bürgern an. Auf Grundlage der Worte des Innenministers fing die Polizei an, bei allen Anwohnern und Ladenbesitzern der Keupstrasse Hausdurchsuchungen und Befragungen durchzuführen. Jedoch kamen am 4. November 2011 in Eisenach in einem Wohnwagen und bei einer Wohnungsexplosion Beweise ans Tageslicht, denen zu Folge eine Terrorgruppe namens NSU (National-Sozialistischer Untergrund), deren zwei Mitglieder tot (angeblich nach Selbstmord) aufgefunden wurden, hinter dieser Nagelbombenexplosion auf der Keupstrasse stecken sollten. Zu den wichtigen Details dieser Beweise zählen, dass genau zur Explosionszeit zwei Zivilpolizisten am Tatort gewesen sein sollen. Diese Tatsache wurde erst nach Monaten von offizieller Seite widerwillig bestätigt. Der Kölner Oberbürgermeister Jürgern Roters gehörte zu den größten Leugnern dieser Tatsache. Die Frage, warum zur Tatzeitpunkt zwei Polizisten in Zivil zu Gange waren aber diese Information lange Zeit verheimlicht wurde, muss vom amtierenden Oberbürgermeister Roters beantwortet werden.

Ein Festival, zwei Staaten und ein Land

Mit dem zum 10. Jahrestag des Anschlages durchgeführten internationalen Musikfestival „Birlikte – Zusammenstehen!“ haben die Veranstalter und Teilnehmer mit und ohne Migrationshintergrund ein sehr lautes Zeichen gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit gesetzt. In den zwei Veranstaltungstagen kamen über 170 Tausend Menschen, viele von ihnen Deutsche, in die Keupstrasse, um zu zeigen, dass sie an der Seite der türkeistämmigen Mitbürger stehen und sie nicht allein sind. Natürlich war in der Hinsicht die Botschaft sehr wichtig. Aber leider musste auch festgestellt werden, dass einige Heuchelei stattfand. Das soll keine Kritik an den Veranstaltern sein, die sicherlich mit besten Absichten gehandelt haben!Aber bei der ganzen Veranstaltung wurden einige entscheidende Fragen ausgeklammert. Als erstes: In fast keiner der Reden wurde auch nur ansatzweise erwähnt, dass dieser Anschlag vor 10 Jahren vor den Augen der Polizei geschah. Darüber hinaus wurde die Tatsache verschwiegen, dass damals der Kölner Oberbürgermeister, der Polizeidirektor und der NRW- Landesinnenminister lange versuchten, die Anwesenheit der beiden Zivilpolizisten am Tatort zu verschweigen. Somit hat die Polizei, die auch in ihren Ermittlungen auf dem rechten Auge blind war und „die Täter nur im Migrantenmilieu vermutete“, auch noch Standingovations erhalten und zu Unrecht regelrecht glorifiziert. Sicherlich wußten die Zivilpolizisten schon damals, wer hinter dem Anschlag steckte, zumindest in welche Richtung man hätte ermitteln sollen! Aber auf dem Festival ging die „Geschichtsfälschung“ noch weiter: Das TRT-Chor und das Chor der Kölner Polizei standen gemeinsam auf der  Bühne und sangen. Die eingewanderten Bürger und Ladenbesitzer, kamen aus dem staunen nicht raus „Schau, die Polizei an! Sie tanzt und singt mit uns Volkslieder. Was ein schön, helal olsun! Deutsche Polizei, wirklich dein Freund und Helfer! In unserem Heimatland schlagen und töten sie willkürlich Menschen!“ Die Polizei war nicht nur auf der Bühne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, auch nahm sie an verschiedenen Podiumsveranstaltungen teil und gab sich menschlich. Man habe ein-zwei Fehler gemacht und werde aus diesen lernen. Beispielsweise wolle man die ausländischen Mitbürger jetzt ernster nehmen und für sie immer ein offenes Ohr haben. Auch sollen von nun an, so wurde vom dem Kölner Integrationsrat bekannt gegeben, mehr Menschen mit Migrationshintergrund eine Polizeiausbildung vollziehen. Mit diesen Beruhigungstabletten wurden Opfer und Angehörige verhöhnt und abgespeist. Der Polizeidirektor, der auf der Bühne geschickt um kritische Fragen herum redete uns das Image des Freund-und-Helfers aufpolierte, konnte die Menschen verblenden und von ihren bewussten Fehlern ablenken.

Wurden nur acht Türken getötet?

Bundesjustizminister Heiko Maas hielt ebenfalls eine Rede auf der Veranstaltung. Er betonte, dass er sich im Namen des Staates für diese rassistischen Morde schäme. Genau wie Bundespräsident Gauck legte er Wert darauf, Botschaften zu vermitteln, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt betonen und festigen sollten.  Eine weitere Rede hielt der türkischer Botschafter aus Berlin, Hüseyin Avni KarsliIoglu. Er sprach immer nur von den “acht ermordeten Türken”. Dass er den ebenfalls von der NSU ermordeten Griechen Theodoros Boulgarides und die Polizeibeamtin Michaele Kieserwetter nicht mitzählte, stieß bei vielen der Zuschauern  auf Erstaunen. Über seine ganze Rede über erwähnte er lediglich und mehrfach die “8 Türken”. An einem Tag, an dem zehntausende Menschen zu einer antirassistischen Kundgebung zusammenkommen und der offizielle Gesandte der Türkischen Republik nichts zu sagen hat außer nur von 8 Türken zu reden, diente wohl einzig und allein dazu, die Vorurteile und das Misstrauen in der türkischen Bevölkerung gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu vertiefen. Unterm Strich war es bemerkenswert, dass so viele Menschen sich gegen Rassismus und für Zusammenhalt stellen. Politische Fehlverhalten sowohl der Politik, der Justiz, der Polizei oder von Diplomaten kann das Zusammenleben der Menschen sicherlich nur stören, aber nicht aufhalten!

 

Yücel Özdemir Übersetzung: Serpil Doğahan