Die „Grenzen“ von ISIS

Der Islamische Staat im Irak und Syrien (ISIS) ging mit aus dem Bürgerkrieg in Syrien gestärkt hervor. Er nahm Kräfte aus der auseinandergegangenen Opposition in Syrien auf. Mit den Drohungen gegen die irakische Führung in Bagdad verstärkte er auch seinen Einfluss bei den irakischen Sunniten. Denn die Frage, ob Bagdad in sunnitischer oder schiitischer Hand ist, ist eine Abrechnung der tausendjährigen Geschichte des Landes. Der ISIS rechnet damit, den Zulauf in seinen Reihen zu verstärken und dem Konflikt ein neues Stadium zu verleihen, indem er im Kampf um Bagdad als Vertreter einer „Tausend Jahre alten Sache“ auftritt.
In Syrien verfolgt er ISIS das Ziel, die radikalsten Kräfte der sich auflösenden Opposition aufzunehmen und die sich auftuende Lücke zu lösen. Er hat mittlerweile ein Gebiet unter seine Kontrolle gebracht, das an die Türkei, Jordanien und den Libanon grenzt.
Wenn man sein Einflussgebiet heute betrachtet, wird deutlich, dass der ISIS seine Strategie auf eine Spaltung von Sunniten-Schiiten bzw. Sunniten-Nussairiern aufgebaut hat. Und diese Strategie stößt heute in beiden Ländern auf Widerstand. Dieser kommt im Irak von der Autonomen Region Kurdistan und in Syrien aus Rojava. Die Regionalverwaltung Kurdistan brachte die Stadt Kirkuk unter ihre Kontrolle, nachdem ISIS, unterstützt von der Auflösung der irakischen Armee, die Stadt Mossul eingenommen hatte. Heute kontrolliert die „Regionalverwaltung“ rund 95 Prozent des kurdischen Territoriums im Irak. Aus der Sicht der ISIS bedeutet das, dass ein Großteil der sunnitischen Gebiete im Irak unter kurdischer Kontrolle steht. Wenn ISIS in den sunnitischen Gebieten die Kontrolle haben möchte, kann er die sunnitischen Kurden nicht abschreiben. Deshalb ist das nächste Ziel von ISIS die Kurden insbesondere in Süd- und Westkurdistan zu kontrollieren.
Der jüngste Angriff von ISIS auf den Kanton Kobanê in Rojava ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Er ist Ausdruck des Versuchs, die Kurden als die politischsten und am besten organisierten Widersacher der ISIS in die Knie zu zwingen. Wenn die Kurden in Westkurdistan ausgeschaltet werden, wird der Weg für eine fast komplette Einnahme vom „sunnitischen Syrien“ einschließlich Aleppos frei. Deshalb gilt: den Vormarsch der ISIS auf Rojava zu stoppen bedeutet zugleich, die Vorherrschaft der ISIS in der gesamten Region zu verhindern.
Kobanê als ein Kanton mit Grenzen zur Türkei, zum Irak und Syrien besitzt auch eine geostrategische Bedeutung. Politische Vertreter von Kurden rufen seit längerer Zeit die internationale Öffentlichkeit auf, Rojava in seinem Kampf gegen den ISIS zu unterstützen. Sie kritisieren die feindliche Haltung der Türkei gegenüber Rojava. Die demokratischen und fortschrittlichen Kräfte haben diesen Aufruf bis heute leider nicht entsprechend erwidert und sich gegen die Politik der AKP-Regierung gegenüber der ISIS gestellt. Ihre Solidarität und Unterstützung blieben ziemlich schwach. Dabei ist die Führung in Rojava nicht nur im Kampf gegen den ISIS, sondern auch als eine von der Bevölkerung bestimmte Führung zu unterstützen. Deshalb sind die demokratischen Kräfte aufgefordert, die AKP-Regierung, die mit ihrer Politik Rojava unter Druck setzt und den ISIS gewähren lässt, zu entlarven. Die Solidarität mit der Bevölkerung in Rojava ist heute für die demokratischen Kräfte in der Türkei wichtiger denn je.

Ihsan Caralan