Deutsche Kolonien und abwertende Begriffe

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Dass Deutschland Kolonialmacht war, ist aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verschwunden. Nach allgemeiner Ansicht war sie kurz, unerheblich und fand ein aus deutscher Sicht unrühmliches Ende.

 

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie „Weiß“ sind?

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie „Schwarz“ sind?

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie nicht zur Weißen Mehrheitsgesellschaft in diesem Land gehören?

Die Antwort auf diese Fragen fällt sicherlich ganz unterschiedlich aus, je nachdem zu welcher Gruppe Sie sich zugehörig fühlen. Menschen, die sich zur weißen Mehrheitsgesellschaft in unserem Land zählen, machen sich selten Gedanken über ihr Weißsein und darüber, welche Privilegien in unserer Gesellschaft damit verbunden sind. Dabei geht es hier nicht oder nur in begrenztem Maße um ein biologisches Weißsein, sondern um Weißsein als strukturelle Kategorie, die in Zusammenhang steht mit Macht.

Seit dem Beginn der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert haben westeuropäische -weiße- Philosophen, Anthropologen und Anatomen die Menschen der Welt eingeteilt in ein „Wir“ und ein „die Anderen“. Im Zuge der entstehenden Wissenschaften wurden nicht nur die „Rassen“ erfunden, sondern auch der „Orient“ und „Afrika“, mit ihren angeblich von uns ganz verschiedenen Menschen. Die Menschen wurden in einem hierarchischen Ordnungssystem klassifiziert, an dessen Spitze der weiße Europäer stand.

 

Die Philosophen der Aufklärung verkündeten zwar den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, schlossen aber nicht-weiße, vor allem afrikanische Menschen explizit von dieser Entwicklung aus. Immanuel Kant lieferte wie andere Philosophen und Anthropologen der Aufklärung die wissenschaftliche Rechtfertigung für die Versklavung von Millionen von Menschen durch die europäischen Großmächte sowie die Legitimation für die koloniale Aneignung eines Großteils der sogenannten nicht-westlichen Welt.

Dieser westliche, sogenannte koloniale Diskurs über fremde, meist außereuropäische Kulturen wurde gerade über die Wissenschaften monologisch festgeschrieben.

Westliches Denken war und ist geprägt davon, Definitionen über Gegensätze herzustellen. Während der „Westen“ als die Zivilisation an sich angesehen wurde, erschien der Orient mysteriös und bedrohlich, erschien Afrika als Kontinent der „unzivilisierten Wilden“. Die Kulturen des Orients und Afrikas wurden als Abweichung, als minderwertig gegenüber dem Westen erachtet. Legte Europa bei seiner Selbstdarstellung stets höchsten Wert auf die Betonung der jeweiligen kulturellen Eigenständigkeit seiner Mitgliedsstaaten, manchmal auch

schon kleinster Regionen, wurden sowohl der „Orient“ als auch Afrika meist als jeweils diffuse Einheiten oder – vor allem im Falle von Afrika – sogar als ‘Land’ betrachtet. Beide erschienen so monolithisch und geradezu zeitlos.

 

Wir können in diesem Zusammenhang von der Produktion von Herrschaftswissen sprechen, da es die Herrschenden im Westen in die Lage versetzte, die Menschen des „Orients“ und Afrikas zu definieren und ihnen damit auch ihr Selbstbestimmungsrecht zu nehmen. Aus dieser Definitionsmacht resultierten exotische und auch offen rassistische Bilder, die der Legitimierung der Kolonialisierung weiter Teile des „Orients“ und Afrikas dienten.

 

„Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Im Reiche selbst ist zu wenig Raum für die große Bevölkerung. Gerade die etwas wagemutigen, stark vorwärts strebenden Elemente, die sich im Lande selbst nicht betätigen konnten, aber in den Kolonien ein Feld für ihre Tätigkeit finden, gehen uns dauernd verloren. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien.“ Dieses Zitat stammt von keinem geringeren als Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Konrad Adenauer, die wenigstens werden es wissen, war zwischen 1931 und 1933 Vizepräsident der

Deutschen Kolonialgesellschaft, dem mit seinen in- und ausländischen Abteilungen größten und einflussreichsten kolonialen Interessenverband im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik.

 

Dass Deutschland Kolonialmacht war, ist aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verschwunden. Nach allgemeiner Ansicht war sie kurz, unerheblich und fand ein – aus deutscher Sicht – unrühmliches Ende.

Deutschland stieg erst relativ spät in den Kreis der Kolonialmächte auf, eignete sich dann aber Gebiete an, die mit Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda und Burundi) und Deutsch-Südwest (heute Namibia) in Afrika, Samoa, Deutsch-Neuguinea und andere Inseln im Pazifik sowie Kiautschou in China mehr als die halbe Welt umspannten. In den zum „Orient“ gerechneten Gebieten eignete man sich zwar keine Kolonien an, hatte aber starke militärische und wirtschaftliche Interessen. So wurde unter deutscher Federführung der Bau der so genannten Bagdadbahn in Angriff genommen, die von Konya in der heutigen Türkei bis nach Bagdad im Irak führte.

Die gesamte Geschichte dieser Aneignung sowie der nachfolgenden Versuche der Etablierung kolonialer Macht ist eine Geschichte von Zwang, Gewalt und Völkermord.

Formal endete zwar mit dem Jahr 1918 der deutsche Kolonialismus. Das Jahr 1918 steht aber auch für den Beginn des Kampfes um die Rückgewinn der verlorenen Gebiete. Eine starke kolonialrevisionistische Bewegung entstand in der Weimarer Republik, für die auch die nationalsozialistische Machtübernahme keinen Bruch darstellte; im Gegenteil. Bereits 1936 trug Hitler im Reichstag erstmals öffentlich die Forderung nach Rückgabe der deutschen Kolonien vor. Der Plan eines afrikanischen Großreiches entstand, der erst nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 aufgegeben wurde.

Im öffentlichen Diskurs blieb die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Kriegs aus und dadurch konnten auch alle Bilder, Stereotype und Vorurteile, die für die Rechtfertigung von kolonialer Aneignung und kolonialer Gewalt so wichtig waren, weitergetragen werden und bis heute fortwirken.

 

Lassen Sie mich ein Beispiel aus der Alltagskultur anführen:

Nach wie vor äußerst beliebt in Deutschland ist auch heute noch das Lied von den 10 kleinen afrikanischen Kindern, die nacheinander sterben oder – in den neueren Versionen – verloren gehen. Die koloniale Eroberung, in deren Kontext das Lied zu sehen ist, wurde nicht zuletzt durch einen Diskurs legitimiert, der AfrikanerInnen als unfähig zu einer eigenständigen zivilisatorischen Leistung, als minderwertige – kindliche – Menschen konstruierte, die der erzieherischen Hand des weißen Kolonisators bedurften.

Im Lied wird diese Konstruktion noch verstärkt; Afrikaner – so die Botschaft – sind unfähig, in der „zivilisierten“ Welt zu leben, und kommen deswegen nacheinander zu Tode. Nur vom letzten heißt es in einer der ältesten Fassungen: „Das zehnte das war schlau, es ging zurück nach Kamerun und nahm sich eine Frau“. Die Moral von der Geschichte: Afrikaner haben bei uns nichts zu suchen. Wenn sie klug genug sind, gehen sie zurück in ihre Heimat. Eine Vorstellung, die heute noch von vielen geteilt wird und die sich in Horrorvisionen von afrikanischen Flüchtlingsströmen manifestiert.

 

Dieser so genannte koloniale Diskurs wird nicht zuletzt weitergeschrieben und noch verstärkt durch eine bestimmte Begrifflichkeit. Gerade in unserem konkreten Kontext offenbart die politische Dimension von Sprache. Jahrelang wurde die von Neonazis verübte Mordserie von ermittelnden Behörden als „Döner-Morde“ bezeichnet wurde. „Kopftuch-Mädchen“, „Parallelgesellschaft“ sind Begriffe, hinter denen sich ganze Kopf-Welten verbergen, die Menschen als „anders“ klassifizieren und abwerten.

In Zusammenhang mit dem afrikanischen Kontinent wird besonders deutlich, wie stark Begriffe und Bilder, die noch aus der Kolonialzeit stammen, in unseren Köpfen vorherrschen.

Rassistische Bezeichnungen, wie das N-Wort, finden sich immer noch im Alltag wieder.

Vor allem wenn von Afrika gesprochen oder geschrieben wird, findet man Bezeichnungen wie „Eingeborene“ und „Stämme“ anstelle von Begriffen wie „einheimische Bevölkerung“ und „Völker“, die in anderen Zusammenhängen verwendet werden.

Manche behaupten, sie hätten nicht gewusst, dass diese Begriffe abwertend seien, oder würden sie nicht rassistisch meinen. Diese Wörter haben aber alle eine Geschichte, in der sie ganz bewusst auf die angebliche „Primitivität“ und „Unzivilisiertheit“ der Menschen verweisen sollten.

Das rassistische Denken, das allein aus dieser Begrifflichkeit spricht, zeigt, dass es noch einiger Aufklärungsarbeit bedarf, um abwertende Denkstrukturen und Traditionen aufzudecken.

Unsere Sprache ist untrennbar verknüpft mit unserem Denken und Handeln. Diese

Verknüpfung macht es erforderlich, dass wir uns nicht nur über Bedeutung und Inhalt unserer Begriffe Gedanken machen, sondern auch über deren Geschichte.

 

Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst *

 


 

Dieser Artikel ist eine gekürzte Version eines Vortrages von Prof. Dr. Marianne Bechhaus-Gerst, der zentralen Vertrauensdozentin bei Diskriminierung von Studierenden vom Institut der Afrikanistik der Universität zu Köln. Die Redaktion bedankt sich bei ihr für das Bereitstellen ihres Vortrages.