Zwischen Workshopleitung und Bühnenprogramm

Die DIDF-Jugend war auf dem diesjährigen 24. Internationalen Sommercamp in Dikili/ Türkei vertreten. Den Campalltag der knapp 3000 Teilnehmer bestimmten vor allem die AG’s. Einige waren klassisch aufgebaut. Das heißt, dass die Teilnehmer selbstständig etwas erarbeiteten und anschließend präsentierten. So, wie z.B. in der Rhythmus-AG, die mit den unterschiedlichsten Instrumenten bekannte Lieder neu interpretierte und das Publikum zum Beben brachte. In der Skulptur-AG fertigten die Teilnehmer mit Materialien, wie Lehm, Stein oder Holz die unterschiedlichsten Werke. In der Fotografie-AG wurden die Teilnehmenden zuerst vom Workshopleiter und bekannten Fotografen Özcan Yaman in die Kunst des Fotografierens eingeführt und begleiteten das Camp stets mit ihren Kameras. Für einige Belustigung sorgten Camp TV und die Camp Zeitung, die jeden Tag mit ihren Berichten Aufmerksamkeit erregten. Neben diesen und vielen anderen AG’s gab es auch jene die inhaltlich wie kleine Seminare aufgebaut waren. So etwa „politische Ökönomie“, „Philosophie“ „kurdische Sprache und Literatur“ oder „Frauenbewegung“.

Wir hatten die Möglichkeit mit der Moderatorin und Redakteurin der Fernsehsendung „Ekmek ve Gül“ (deutsch: „Brot und Rose“) von Hayat TV ein Interview zu führen. Gülsah Imrek (24) leitete den Workshop „Frauenbewegung“.

hqdefault

Du hast mit den anderen Kolleginnen den Workshop Frauenbewegung zusammen geleitet. Ist er euren Erwartungen entsprechend verlaufen?

„Dieses Jahr können wir von einem sehr produktiven und ergiebigen Workshop sprechen. Seit 2008 werden auf unseren Jugendcamps Workshops zum Thema Frauenbewegung angeboten, aber dieses Jahr lag der Schwerpunkt besonders auf Frauen in ihrem Kampf und ihrer Organisierung. Anstelle von langen Vorträgen haben wir uns dafür entschieden, das Ganze etwas lebendiger zu gestalten, indem wir viel Theater mit in den Workshop eingebaut haben. Für diese Methode haben wie sehr viel Zuspruch erhalten, da wir so auf alltägliche, aber auch politische Situationen eingehen konnten und die Teilnehmerinnen, vor allem aber auch die Teilnehmer, sich in verschiedene Situationen versetzen konnten.“

 

Es ist oftmals so, dass Frauen zögernd die Initiative ergreifen. Wie habt ihr es geschafft, die Frauen in den Workshop einzubinden?

„Da wir uns auf einem Jugendcamp befanden, hatten wir nur eine bestimmte Altersgruppe, auf die wir uns konzentriert haben. Das heißt wir haben versucht, gezielt auf die Probleme jener Altersgruppe einzugehen, indem wir das Ganze etwas offener und bunter gestaltet haben. Hierfür sind wir vorweg in den Frauengruppen vor Ort zusammen gekommen und haben über Wünsche und Erwartungen gesprochen. Daraus entwickelte sich die Idee Theater mit in den Workshop einzubauen, um zum Beispiel Gewalt an Frauen in alltäglichen Lebenssituationen darzustellen. Im Workshop selbst haben wir den Teilnehmerinnen dann Gegenstände aus dem Alltag gegeben, beispielsweise einen Lippenstift, einen Spiegel oder eine Leggins. Mit diesen sollten sie eine Situation spielen, in der die Gegenstände zu Gewalt führen. Das Ergebnis waren viele verschieden Szenarien, die so allerdings in unserem Leben, leider, vorkommen.“

 

In den acht Tagen war vor allem dieser Workshop auffällig. Es wurden Demonstrationen und Flashmobs veranstaltet, das Gelände durch kritische Plakate geschmückt und noch vieles mehr. Woran liegt es, dass besonders der Frauenbewegung Workshop spürbar ist?

„Was unseren Workshop von den anderen unterscheidet ist, dass wir unsere Teilnehmerinnen gezielt mit in den Workshop einbauen und sie ihn selbst gestalten lassen. Und das soll sich auch in unserem Kampf widerspiegeln: zum einen die Mitwirkung, aber auch die einfache Teilhabe. Wir rufen niemanden dazu auf, für jemand anderen zu kämpfen, sondern in erster Linie, um für uns selbst zu kämpfen. Und das macht unsere Workshop-Phasen so bunt und einzigartig. Manchmal sprechen wir über Klischees und Rollenbilder, ein anderes Mal reden wir beispielsweise über Beschneidungen an Frauen. Wir sind oft zu Tränen gerührt, haben aber auch viel zu lachen. Das liegt hauptsächlich daran, dass die Themen, die wir ansprechen, uns auch tatsächlich betreffen.“

 

Das Camp ist nun zu Ende. Wie wird die Arbeit vor Ort weiterlaufen? Wird sich an eurer Arbeitsweise etwas ändern?

„Wir als „Ekmek ve Gül“ -Redaktion und auch als Zusammenschluss der Frauen in der Partei der Arbeit (EMEK Partisi) haben die gesamte Workshop-Phase aufgenommen. Das heißt, wir haben jeden Augenblick als Aufnahme. Diese werden wir zu einem eigenen Programm schneiden und mit unseren Frauengruppen teilen. Wichtig ist es aber vor allem diese Aufnahmen den Frauen zeigen, die am Camp nicht teilnehmen konnten. Ihnen wollen wir vor Augen führen, was wir alles in so kurzer Zeit auf die Beine stellen konnten und was uns Frauen möglich ist. Auch auf sozialen Medien und auf Hayat TV werden wir die Aufnahmen veröffentlichen. Naja, wir haben eben unsere Fernsehsendung und unsere Zeitschrift, das heißt unsere Arbeit bewegt sich in diesen Kreisen.

Die Türkei ist mittlerweile an dem Punkt angelangt, dass die Gewalt an Frauen im Ausnahmezustand ist. Jeden Tag werden mindestens fünf Frauen ermordet und diese Morde nehmen wahnsinnige Gestalten an. Einer verätzt mit Säure das Gesicht einer Frau, damit die Schönheit, die er nicht „besitzen“ konnte, für jeden ausgeschlossen ist. Ein anderer wiederum ermordet seine Frau mit 17 Messerstichen. Und das sind Fälle, von denen wir täglich in den Tagesthemen hören. Daher werden wir uns in unserer Arbeit mittels Kampagnen auf den 25. November (internationaler Tag gegen die Gewalt an Frauen) vorbereiten. Denn jede noch so kleine Bewegung in den Stadtteilen und Vierteln wird sich auf unsere Arbeit auswirken.“

 

Und als abschließende Frage: Was heißt es für dich, eine Frau zu sein?

„Unter den jetzigen Bedingungen, heißt es für mich eine Frau zu sein, zu kämpfen, um zu existieren. Man will uns unsere eigene Geschichte vergessen lassen. Hinzu kommt, dass man uns verdrängen und unterdrücken will. Zuletzt hieß es sogar seitens der türkischen Regierung, unser Gelächter sei störend. Es ist also wichtiger denn je jederzeit „Wir sind hier!“ sagen zu können und zu müssen.“

 

Dikili, August 2014

Das Interview führte Dirim Su Derventli