Du hast schon richtig gesehen: Ich trage Kondome in meiner Tasche!

hayir-yanlis-gormedin-cantamda-kondom-var0e4b436a49c34c5f426fDieser Artikel wurde aus dem Türkischen übersetzt. Das Original ist am 6. September in der Tageszeitung „Evrensel“ erschienen. Zwar trifft nicht alles auf die Lebenssituation von jungen Frauen in Deutschland zu, doch dürften einige Aspekte des Artikels vor allem Türkeistämmigen Frauen bekannt sein.

Falls ihr nicht verheiratet seid und aus der Tasche ragt eure Pille heraus, habt ihr den Salat. Man schaut schnell weg und die Situation ist angespannt, meistens peinlich. Mal abgesehen von dem großen Bruder, den Eltern, selbst wenn man mit Freunden diese Situation erlebt, folgt darauf gleich der Satz, der alles rechtfertigt: „Ich habe das PCO-Syndrom.“, „Ich mache eine Hormonbehandlung, wegen meiner Pickel.“, „Dadurch wird eben die Periode regelmäßig, du kennst das ja.“ …
Irgendeine Stimme in euch beruht darauf nicht zu verraten, dass ihr Sex habt. Ihr merkt nicht einmal, dass ihr euch rechtfertigt.

Schaut euch mich an, das Paradebeispiel der Moralvorstellungen – Moralvorstellungen sind auf jeden Fall patriarchalisch – ich bin die Frau, die es verteidigt, Bülent Arinc* durch lautes Gelächter zur Verzweiflung zu bringen und ihn zu stürzen, aber nenne direkt die erste Begründung, wenn es darauf ankommt meine Pille zu verteidigen. (Aber ich habe das Syndrom tatsächlich, ich habe es halt!) Es ist wie, wenn man in lautes Gelächter ausbricht, aber sich die Hand dabei vor den Mund hält, um es zu verstecken. Es ist normal in seinen Eierstöcken Zysten zu haben. Aber Sex zu haben und eine Schwangerschaft zu kontrollieren? Dein Gegenüber wird mindestens eine, wenn nicht beide Augenbrauen langsam hochziehen.
„Es ist nur für die Gesundheit, meine Liebe“ und siehe da: beide Seiten haben sich beruhigt. Die Wahrheit und Scham, die diese kleinen Pillen anrichten, sind plötzlich wie weggeblasen. Ein wenig Rechtfertigung kann tausende Fehler und Schamgefühle beseitigen. Daraufhin folgt sogar noch eine „progressive“ These. „Natürlich meine Liebe, Gesundheit geht vor.“ Kontrollierter Geschlechtsverkehr wird im Handumdrehen, wobei das gar nicht das Ziel war, aus der Gesundheit genommen und mir nichts dir nichts ungesund gemacht.

Und was ist mit dem Kondom?

Na gut, die Pille konnte man irgendwie erklären. Aber was macht Frau, wenn zwischen den Unterhosen und BH’s Kondome sind? Während alles wunderbar lief, bereitet ein Stück Kautschuk die nächste Sorge, die ganze verlorene Keuschheit muss wieder aufsammelt werden. Für die Genies, die an einer schwangeren Frau erkennen, dass diese Sex hatte, ist eine Packung Kondome der Höhepunkt der Unzüchtigkeit. Warum schlagen wir bis zum Ergötzen auf Trommeln oder tanzen uns die Füße wund, wenn es zur ersten Hochzeitsnacht geht; schreiben aber gleichzeitig Kondome, die vor Geschlechtskrankheiten und ungewollten Schwangerschaften schützen, auf die schwarze Liste für Frauen?
„Bevor du auf Kondome eingehst, rechtfertige doch erst einmal Binden.“, sagt jetzt eine andere Stimme. Binden haben für viele junge Frauen immer noch den Status „illegal“. Was jedem jungen Mädchen schon in der Mittelstufe passiert ist, ist das folgende Gespött auf die nach dem ersten Sexualunterricht verteilten Binden. Daran erinnere ich mich sehr gut. In den Klassen hieß es dann: „Euch hat man wohl Binden verteilt.“, denn die Jungs erlaubten sich den größten Spaß. Ich antwortete immer mit „Wieso fragst du? Brauchst du welche?“.
Binden sind in meinen Augen noch sauberer, als jedes Taschentuch, mit dem ich mir die Nase putze oder jede Rolle Klopapier, mit dem ich mir den Hintern abwische. Du brauchst sie irgendwann, also benutzt du sie auch.
Und lieber Mann, derjenige der Binden beschämend findet: Hör zu mein Schatz. Störche, die sich in das Sexualverhalten von Menschen einmischen gibt es nur in Märchen. Die Menstruation, Erdbeerwoche, Tage… (Nenn es wie du willst, aber bitte nenn es nicht Krankheit (was in der Türkei eine gängige Bezeichnung für die Periode ist), das ist nämlich ein Zeichen von Kerngesundheit) ist dafür da, damit es die Menschheit weiterhin gibt.
Begründungen über Begründungen
Es ist kein fremdes Gefühl mit riesigen Schultaschen in die Schultoiletten zu gehen, im Ramadan seine Tage zu bekommen und so zu tun, als würde man fasten und dann den ganzen Tag nichts zu essen; ich kenne das, denn ich bin unter solchen Freundinnen aufgewachsen. Ich kenne Beamtinnen, die ihre Schwangerschaft vor ihren Vorgesetzten oder aber Frauen, die es ihrem Schwiegervater verschweigen. Frisch gebackene Mütter, die ihre Säuglinge nicht stillen, sondern „füttern“ gehen… Frauen, die jedes Mal, wenn sie zum Frisör gehen, um sich zu enthaaren auch gleich noch ihre Haare machen lassen, damit es nicht auffällt. Angeheiratete Frauen, die sich nicht trauen, ihre Schwiegermütter nach Geld für Binden zu fragen, die sich dann von ihren Schwägerinnen welche leihen müssen. Eine Frau zu sein ist in jeder Hinsicht beschämend, wir mussten uns immer wieder neue Rechtfertigungen und Begründungen ausdenken.
Und was kommt dann?
Was ich damit meine ist: Warum dürfen sich die Helden, mit allem was sie machen rühmen und alles was wir machen, passiert in hinteren Winkeln und ist streng geheim? Ich würde sagen, nicht nur das Frau-Sein auf jede Art und Weise anzunehmen und mit erhobenem Haupt zu verteidigen, ist wichtig.
Jedes Mal, wenn wir unseren Grund für die Pille ändern, kommt eine Frau mit leeren Händen aus einer Praxis. Diejenigen, die sich nicht trauen, in die Behandlungsräume zu gehen, bei denen auf der Beschreibung „Spiralen werden eingesetzt“ steht. Diejenigen, die sich nicht trauen, in das eigene Gesundheitssystem „Ledig aber hat eine Spirale“ einzutragen. Und die darauf folgenden Schwangerschaften, die entweder zu gezwungenen Geburten oder Abtreibungen führen, die mir nichts dir nichts von scheinheiligen Ärzten unternommen werden. Blutungen, die nicht aufhören wollen. Oder selbst auf Schultoiletten Abtreibungen durchführen, Selbstmord begehen…
Deshalb hast du schon richtig gesehen: Ich trage in meiner Tasche Kondome!
*Bülent Arinc ist türkischer Vize- Premier und forderte im Sommer ein Lachverbot für Frauen.
Özge Kuru
Der Artikel wurde übersetzt von Dirim Su Derventli