Für mich ist es normal zu kämpfen

„Ich werde immer mit Neugier empfangen. Weil viel über mich berichtet wurde, aber keine Bilder von mir in den Zeitungen abgedruckt sind.“ Ayse lacht, als sie diese Worte spricht. Tatsächlich ging es mir nicht anders auf dem Weg zum Interview mit ihr. Wer ist Ayse, die kämpferische Betriebsratsvorsitzende bei H&M Heilbronn, die an ihrem Mut festhing und gegen den Druck des Arbeitgebers bis heute standhält?“ Mich empfängt eine herzlich lachende junge Frau, die mit festem Handgriff mich warm begrüßt. Auch Thomas Müssig, Gewerkschaftssekretär des ver.di Bezirks Heilbronn ist da, der von Beginn an den Betriebsrat eng betreut.
Ayse ist die jüngste Tochter von 4 Geschwistern einer türkischen Arbeiterfamilie. Ihre Eltern kamen in den 70´er Jahren nach Mannheim, wo Ayse auch geboren wurde. Wie viele Kinder aus Arbeiterfamilien hat auch Ayse neben Schule und Studium regelmäßig gearbeitet, um etwas hinzuzuverdienen und finanziell unabhängig zu sein. Gewerkschaft? Betriebsrat? Beides war für sie zunächst weit entfernt. Doch das änderte sich schneller, als sie es selbst vermutet hätte. Hier beginnt auch unser Gespräch.

Hattest Du bereits in der Familie irgendeinen Kontakt oder Bezug zur Gewerkschaft? Wurde gelegentlich darüber gesprochen?
Ayse: Überhaupt nicht. Meine Eltern waren gegenüber Betriebsräten oder Gewerkschaften sehr zurückhaltend. Sich für etwas einzusetzen – das war in meiner Familie kaum der Fall. Das war eher meine Rolle. Ich war immer Anwältin für meine älteren Geschwister. Für mich ist es normal, zu kämpfen. Aber einen gewerkschaftlichen Bezug, den hatten wir in der Familie nicht.

Im August 2013 war es soweit. Bei H&M Heilbronn in der Stadtgalerie stand erstmals die Wahl eines Betriebsrates an…
Ayse: Genau. Das war für mich alles neu. Ich habe mir gedacht: „In einigen Jahren kannst Du diese Zeit Deinen Schülern als eine besondere Erfahrung erzählen.“ Ich wurde von meinen Kollegen darauf angesprochen, ob ich denn nicht Interesse hätte, mich aufzustellen. Für mich war das eine besondere Anerkennung. Klar, in der Schule hatte man darüber gehört und gelernt. Aber die Theorie ist oft anders als die Praxis, wenn man es nicht selbst durchlebt.

Die Wahl des Betriebsrates verlief aber nicht konfliktfrei. Was ist genau passiert?
Thomas Müssig: Unser gewerkschaftlicher Beobachter der BR Wahl wurde vom Storemanager nicht zum Wahllokal eingelassen. Sogar die Polizei hatte er gerufen. Wir haben die Lage sofort dem Gesamtbetriebsrat gemeldet. Dieser nahm Kontakt zur zentralen Geschäftsstelle auf. Wir gehen davon aus, dass diese dann den Storemanager zurecht wies. Man muss wissen; H&M verfolgt bei den BR-Wahlen eine eigene Strategie. Es gibt Leitfäden und Papiere für den Umgang der Manager mit Betriebsräten. Der Wahlvorstand wurde z.B. vom Storemanager unter Druck gesetzt. Ein Tag nach Einsetzung des Wahlvorstands, kam sogar die Bezirkspersonalverantwortliche, die Einzelgespräche mit den Beschäftigten anbot. Sie sei da, um die Probleme im Betrieb zu lösen. Dadurch sollte wohl die Idee verbreitet werden, dass ein Betriebsrat unnötig sei, da ja die Personalabteilung da ist, um scheinbar die Probleme auf kollegiale Weise zu lösen. Diese Strategie setzte H&M ununterbrochen bis zur BR-Wahl fort. Passend zur Strategie im Umgang mit Betriebsräten, stellte sich erwartungsgemäß das komplette Führungsteam zur Wahl auf – gegen die von der Gewerkschaft unterstützten Kandidaten. Daraufhin reichten einige KollegInnen von Ayse eine eigene Liste ein, da sie sich von den Führungskräften politisch abgrenzen wollten, wodurch eine Listenwahl zustande kam. Diese Situation führte dazu, dass alle 5 BR-Plätze mit gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen besetzt wurden. Ein Riesenerfolg!

Und dann kam das Wahlergebnis.
Ayse: Ja, und ich wusste immer noch nicht, was auf mich zukommt. Wir waren 3 unerfahrene Kolleginnen im 5-köpfigen Betriebsrat. Klar, gab es Anlaufschwierigkeiten, weil der Arbeitgeber die Wahl anfechten ließ. Es gab ein Fehler im Wahlausschreiben. Es ist ohnehin sehr schwierig eine fehlerfreie Wahl durchzuführen. Gerade bei den BR-Wahlen gibt es viele Regeln, weil in keiner anderen Wahl die Interessenskonflikte von Beschäftigten und Arbeitgeber so hart aufeinandertreffen. Die Wahlanfechtung versuchte der Arbeitgeber gnadenlos auszunutzen. Freistellungen, Seminare und Sitzungsräume wurden streitig gemacht. Wir mussten von Beginn an kämpfen, was im Nachhinein betrachtet auch gut war, so eine harte Schule durchzumachen. Denn das hat uns zusammengeschweißt.

Was waren die Erfolge?
Ayse: Wir haben 10-11 Kollegen entfristen können aufgrund eines Fehlers des Storemanagers. Nach dem Teilzeit-Befristungsgesetz §14 muss eine Befristung schriftlich stattfinden – und zwar vor Aufnahme der Tätigkeit. Er hat einfach vergessen, einen befristeten Vertrag wirksam, also schriftlich, zu verlängern. Seine Lösung war, die Arbeitsverträge rückwirkend zu verlängern – und seiner Meinung nach zur Not auch mit Tippex. In einem Fall konnten wir den Storemanager der Urkundenfälschung überführen. Seither geht man ohne einen BR nicht in ein Gespräch hinein. Viele unserer Kollegen arbeiten auf Stundenbasis. Wir haben geschafft, dass sie ebenfalls eine tarifliche Aufstockung bekommen. Auch bei Neueinstellungen haben wir uns dafür eingesetzt, dass sie entfristet werden und mehr als die geregelten 10 Mindeststunden bekommen. Auch eine faire Einteilung der Früh- und Spätschichten unter den Kollegen haben wir erreichen können.

Im vergangenen Jahr streikte auch der Handel. Wie war Eure Beteiligung?
Ayse: Wir haben gestreikt. Einige Kollegen haben aber nicht verstanden, warum wir streiken. Es war schwierig die Kollegen zum Streiken zu bewegen. Viele sind verängstigt, dass sie „abgestraft“ werden. Sie fühlen sich nicht stark genug, dem Druck standzuhalten. Anderen wiederum ist es egal, weil sie nicht wissen, wie wichtig der Tarifvertrag ist. Dass das Urlaubsgeld bspw. durch den MTV geregelt wird. Sie denken, dass ist ein Geschenk vom Arbeitgeber.

Thomas Müssig: H&M ist ein Betrieb mit einer „familiären Kultur“. H&M versucht jegliche Rollen abzudecken, die es in einem Leben eines Menschen gibt: Vater, Mutter, Geschwister, Freunde, Arbeitgeber, Betriebsrat usw. Wer sich dagegen wehrt, das System kritisch hinterfragt, der gehört auf einmal nicht mehr dazu. Weil auch sehr viel auf emotionaler Ebene kommuniziert wird, und viele Kollegen so gefügig gemacht werden, empfinden die Beschäftigten das Verhältnis zum Arbeitgeber als ein sehr Persönliches. Beim Streik war es die Angst, dass man persönlich den Arbeitgeber angreift und aus dem Team H&M ausgestoßen wird. Die zentrale Frage der Entscheidung, ob jemand sich zum Streiken entschließt oder nicht, ist in Wirklichkeit eine andere: Angst vor dem Arbeitgeber oder das Vertrauen zum Betriebsrat.

Ayse, Du stehst nun vor Gericht und kämpfst um die Entfristung Deines Arbeitsverhältnisses. Welche Bedeutung hatte die breite Solidarität für Dich?
Ich bin so überwältigt von der großartigen Unterstützung, die ich erfahren habe. Es wurden über 2.200 Unterschriften gesammelt. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Viele haben aber auch gesagt: Wie kannst Du Dich als Befristete zum Betriebsrat aufstellen lassen? Ich habe dann gefragt: Warum nicht? Ist das ein Grund, mich nicht zum Betriebsrat aufstellen zu lassen? Die heutige Arbeitssituation ist so, dass viele befristet arbeiten. Wenn sich dann niemand mehr traut, sich aufzustellen, dann haben wir bald keine BR´e und keine Arbeitnehmervertretungen mehr. Es geht nicht nur um mich, sondern um die Betriebsräte allgemein. Man wollte an mir ein Exempel statuieren. Das zu erkennen, hat mir die Kraft gegeben, das Ganze durchzustehen. Denn arbeitslos sein ist nicht leicht, wenn man jahrelang auch unabhängig war. Ich hatte auch Tiefpunkte. Aber ich hatte auch gute Menschen um mich, die gesagt haben: Du bist stark – das stehst Du durch. Ich habe das anders formuliert. Die Betriebsrätin Ayse muss stark bleiben. Ich erwarte von niemanden irgendwas. Bin aber immer dankbar, wenn mir Menschen helfen. Wie heißt es so schön: Gemeinsam sind wir stark.

Sidar Çarman