150 Verhandlungstage – kein Ende in Sicht!

Jemand musste Beate Z. geholfen haben, denn obwohl sie etwas Böses getan hatte, ist auch nach 150 Verhandlungstagen kein Ende des NSU-Prozesses in Sicht. Der Prozess, in dem NSU-Mörderin Beate Zschäpe, sowie ihre Unterstützer Andre Eminger, Holger Gerlach, Carsten S. und Ralf Wohlleben, angeklagt sind, entwickelt sich immer mehr zu einer kafkaesken Farce. Am 14. Oktober fand nun der 150. Verhandlungstag statt. Fast 1 ½ Jahre nach Prozessbeginn ist der Prozess gezeichnet von Ermittlungsfehlern, „Erinnerungslücken“ von Zeugen und einer Waffe, deren Weg so kompliziert ist, wie der von Hänsel und Gretel, nachdem die Brotkrumen verschwunden waren.

Chaos und Unklarheiten im Gericht

Seit dem Beginn des Prozesses im Mai 2013 unternahm die Verteidigung von Zschäpe zahlreiche Versuche, den Prozess zu verschleppen. Ablehnungsgesuche gegen die Richter, Forderungen nach Einstellung des Verfahrens und sogar der Versuch eines Vertrauensentzugs Zschäpes gegen ihre eigenen Anwälte im Juli dieses Jahres, gehörten mit zu ihrer Strategie. Mehrmals wurde die Verhandlung unterbrochen und vertagt. Auch die Prozessführung wurde bis jetzt fragwürdig aufgebaut. Für Zeugen wurde zu wenig Zeit eingeplant, viele mussten mehr als einmal aussagen. Zu wahren Erkenntnissen führte das nicht wirklich. Der Mitangeklagte Carsten S. gab zu, bei der Beschaffung einer Ceska-Pistole mit Schalldämpfer beteiligt zu sein. Mit so einem Modell wurden die neun Morde an den 9 Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund begangen. Und Holger Gerlach gestand, Pässe, einen Führerschein und mehrere tausend Euro für Zschäpe und ihre mittlerweile toten Komplizien Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bereitgestellt zu haben. Der Verfassungsschutz, der den NSU über Jahre hinweg gedeckt und unterstützt hatte, hüllt sich noch immer in Schweigen.

 

Das Märchen von der Waffe und den Zeugen, die sich nicht erinnern

Der Beschaffungsweg der Waffe bietet einen großen Spielraum für Lügen, Beschuldigungen und Verteidigungsstrategien seitens der Angeklagten. Nachdem die Waffe legal von Tschechien in die Schweiz verkauft wurde, verliert sich die eindeutige Spur in faschistischen Kreisen. Mehrere Zeugen, aus dem rechten Spektrum, die die Waffe wahrscheinlich nach Deutschland gebracht und durch viele Hände an Böhnhardt weitergeben haben, weisen wohl plötzlich Frühsymptome von Alzheimer auf. Schließlich können sie sich entweder an längere Abschnitte nicht mehr „erinnern“ oder werfen anderen Zeugen etc. Lügen, durch Drogenkonsum hervorgerufene Wahnvorstellungen oder Ähnliches vor.

 

Die Leidtragenden bei diesem Kammerspiel sind vor allem die Angehörigen der Opfer, die sich, nach all den Beschuldigungen durch die Behörden, Aufklärung und Gerechtigkeit von dem Prozess erhoffen. Doch anstatt diese Gerechtigkeit zu verschaffen, indem die eindeutig schuldige Zschäpe wegen mindestens 10fachen Mord verurteilt, sowie die Machenschaften und Verwicklungen des Verfassungsschutzes in vollem Ausmaß aufgedeckt werden, beschäftigt sich das Gericht lieber damit, ob Zschäpe bei ihrer 92-Jährigen Nachbarin geklingelt hat, bevor sie die Wohnung 2011 in Brand steckte. Wenn es so weiter geht, bleibt der Wunsch nach Gerechtigkeit wohl doch nur ein Traum.

 

Alev Bahadir