10 Stunden „damn!“

Man stelle sich einen Mann vor, der 10 Stunden durch die New Yorker Innenstadt läuft. Dabei ist er weder besonders gekleidet, noch spricht er ein Wort. Innerhalb dieser 10 Stunden wird er von zahllosen Frauen angesprochen. Kommentare, wie „damn!“ (Verdammt!) oder „nice“ (nett), begleiten ihn in den ganzen Stunden. Von mehreren Frauen wird er verfolgt. Eine läuft sogar über 5 Minuten neben ihm her. Unglaublich? Klingt so. Vertauscht man jedoch die Rollen und aus dem schweigsamen Mann wird eine Frau, die pausenlos von fremden Männern angesprochen und verfolgt wird, scheint das überhaupt nicht mehr unwahrscheinlich und für die meisten Frauen sogar vertraut.
Street Harassment
Genau das wollten Rob Bliss und Shoshana Roberts zeigen, als letztere 10 Stunden lang durch New York lief. Diese Erfahrungen, bei der über 100 Anmachen zusammenkamen, verarbeiteten die beiden zu einem knapp 2-minütigen Video. Dabei ignorierte sie alle Avancen, von denen viele, wie anzügliche Gesten oder Pfeifen, gar nicht in dem Video vorkommen und trotzdem meinten einige Männer ihr minutenlang hinterher laufen zu müssen. Dieser kurze Einblick in den Alltag von vielen Frauen sollte ein Zeichen gegen „Street Harassment“ (dt. etwa Straßenbelästigung) sein. Dabei wurde gleichzeitig zu Spenden für eine Stiftung gegen Street Harassment aufgerufen. Das Video findet man auf Youtube und hat augenscheinlich Erfolg. Als ich es mir am frühen Sonntagabend, am 2. November anschaue, hat es fast 30 Mio. Klicks.

Zwischen Beleidigung und Vergewaltigungsdrohungen
Wow, zu früh gefreut. Denn als ich runter scrolle, um mir die Kommentare durchzulesen, bin ich geschockter, als von dem Filmchen selbst. Ein Nutzer meint, dass die junge Frau doch glücklich über all die Aufmerksamkeit sein solle, die sie auf der Straße bekommt. Ein anderer wird richtig brutal. Sagt, das sei doch gar keine Belästigung. Schließlich habe man nicht eindeutig in Kraftwörtern ausgedrückt, was man von ihr wolle und das sei freie Meinungsäußerung, die er auch demonstrativ verteidigen werde. Anschließend beleidigt er Roberts auf jede erdenkliche Art. Ist es also freie Meinungsäußerung, wenn ich auf der Straße angepfiffen und angesprochen werde, wie ein Stück Fleisch, solange ich nicht dabei beleidigt werde? Beginnt Alltagssexismus und Belästigung erst mit Beleidigungen und Handgreiflichkeiten? Doch wohl kaum. Dann lese ich, dass diese Kommentare noch nicht alle waren. „Ich hoffe du stirbst vergewaltigt“ ist eine der Morddrohungen, die Roberts seit dem Erscheinen des Videos über sich ergehen lassen muss.
Gleichberechtigung?
Wenn eine Frau sich aktiv gegen sexuelle Belästigung im Alltag einsetzt, muss sie dann automatisch mit Morddrohungen rechnen? Was rechtfertigt die Androhung von Vergewaltigung? In was für einer Gesellschaft leben wir überhaupt, in der man jemandem wünscht, vergewaltigt zu werden?
Man erzählt uns doch ständig, dass Mann und Frau in der wunderbaren westlichen Welt gleich sind. Ist das der Preis, den Frau dafür bezahlen muss, dass sie ohne in Begleitung eines Mannes auf die Straße gehen „darf“? Wenn Gleichberechtigung so aussieht, warum passiert so etwas Männern so gut wie nie? Nicht, dass ich das irgendjemandem, unabhängig seines Geschlechts, wünschen würde. Ja, auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären Frauen in den westlichen Ländern, unabhängiger und freier als in anderen Teilen der Welt. Dass Frauen arbeiten, wählen oder über ihren Körper selbst bestimmen dürfen, sind durchaus Fortschritte. Jedoch sind das nicht, wie es aus vielen chauvinistischen Kreisen heißt, nette Zugeständnisse seitens der herrschenden Männer, sondern Errungenschaften, die Frauen zusammen mit vielen Männern gemeinsam in der Hoffnung einer Emanzipation erkämpft haben! Dennoch sind sie in so vielen Punkten ihres Lebens noch immer von Männern beherrscht. Sei es der Vater, der Ehemann/Freund, der Chef oder womöglich ein Fremder auf der Straße oder im Internet.

Das Patriarchat
Es wäre fatal zu glauben, dass Männer und Frauen in diesem System gleichberechtigt sind. Gerne wird an dieser Stelle das Beispiel der Bundeskanzlerin angebracht. Aber inwieweit ist es Zeichen für Gleichberechtigung, wenn sie zwar das biologische Geschlecht einer Frau hat, sich aber de facto benehmen muss, wie ein Mann? Warum gab es sonst so einen Aufschrei, als sie damals in einem tiefausgeschnittenen Kleid in der Oper auftauchte? Ja, darauf ist man hier ganz stolz. Die Frau, die es schaffte, ein Mann zu sein.
Wir leben in einem patriarchalischen System. Und auch hier gibt es, wie immer, einen Unterdrücker und einen Unterdrückten. Die Herrschaft der Männer nennen es einige. Solange sich daran nichts ändert, werden Frauen sich weiterhin alles erkämpfen müssen. Auch auf der Straße zu laufen, ohne sich dumme Sprüche anhören zu müssen.
Denn geht es doch hier vor allem um Macht. Wer ist das mächtige, das starke Geschlecht und wer das untergebene, das schwache Geschlecht. Allein mit diesen Begrifflichkeiten und festgefahrenen Rollenbildern werden schon hierarchische Machtstrukturen erzeugt und legitimiert. Auch wenn eine Frau, die ein Video von sich postet, wie sie 10 Stunden lang durch eine Stadt läuft und dabei permanent belästigt wird, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen bekommt, geht es darum, Macht zu symbolisieren. Frei nach dem Motto: „Du versuchst meine Macht einzuschränken. Schau, welche Macht ich über dich haben kann“.
Bedeutet das, dass alles besser wäre, wenn Frauen an der Macht wären? Nein. Denn solange wir in diesem System leben, bleiben die Gegebenheiten gleich. Nur würden an dieser Stelle die Rollen von Unterdrücker und Unterdrücktem vertauscht werden. Gleichberechtigung, egal ob des Geschlechts, der ethnischen Herkunft etc., ist in diesem System keine Option.

Alev Bahadir