„Die Gedanken sind bei unseren Eltern“

In Anbetracht der Situation von Flüchtlingen in Deutschland und den medialen  Wirbel um gestiegene Flüchtlingszahlen, wollten wir als NeuesLeben versuchen unseren Lesern mal einen kleinen Einblick ins Leben eines jungen Flüchtlings aus Syrien zu geben. Damit wir vielleicht etwas genauer verstehen, warum, wieso und vor allem wie jemand aus seinem Land eine so lange Reise auf sich nimmt oder nehmen muss. Vor allem aber, damit wir erkennen, warum wir uns mit diesen Menschen nicht nur solidarisieren sollten, sondern auch gemeinsam Seite an Seite für unsere Interessen in unserer Stadt einsetzten, da unsere Bedürfnisse und Wünsche zumeist dieselben sind.

NL:. Könntest du dich bitte kurz vorstellen?

 

Obada: Ich heiße Obada Ghuzlan. Ich bin  18 Jahre alt, komme aus Syrien und bin vor einigen Monaten nach Deutschland geflohen.

 

NL: Kannst du uns von deiner Reise nach Deutschland berichten?

Obada: Ich und meine Schwester haben durch Bekannte Kontakt zu einer Schleuserbande gefunden und uns über eine Flucht nach Deutschland geeinigt. Wir mussten im Vorfeld 4000 US-Dollar pro Person bezahlen. Die Schleuser haben uns mit dem Auto an die Grenze von Libyen befördert. Die letzten Kilometer mussten wir zu Fuß zurücklegen. Nach einem Fußmarsch von über 3 Stunden kamen wir in Libyen an. Unser nächster Halt war Italien. Wir wurden in einem Boot ohne jede Sicherheitsmaßnahme über das Meer nach Italien gefahren. In dem Boot waren weitaus mehr Menschen, als es die Kapazität des Bootes zuließ.  Wir standen also kurz vor dem Tod. Wir hatten zwar Angst, aber auch Hoffung auf ein menschenwürdiges Leben, weswegen wir diese Gefahren auf uns nahmen.

 

NL: Was waren die Gründe für eure Flucht?

Obada: Wir hatten in Syrien keine wirkliche Perspektive mehr, zudem bedrängte das Militärregime mich und meine Familie ständig. Als dann auch noch die Benachrichtigung kam, dass ich vom Militär zum Wehrdienst einberufen wurde, waren wir ganz verzweifelt. Denn die Menschen in Syrien sollten in den Krieg ziehen, obwohl sie den Krieg nicht wollten. Ich wollte ihn auch nicht. Als ich dem Aufruf des Militärs nicht nachkam, verkündete das Militär ein Haftbefehl gegen mich. Daraufhin bin ich mit meiner Familie nach Jordanien geflohen. Die Lebensumstände waren dort zwar ein wenig besser, aber nicht wirklich sicher. Irgendwann bekamen die jordanischen Behörden den Grund unserer Flucht und für mich wurde immer gefährlicher, verhaftet und ausgeliefert zu werden. Schließlich entschieden wir uns für eine Flucht nach Deutschland, obwohl diese Reise sehr gefährlich ist. Mein Vater hat seine ganzen Ersparnisse zusammengekratzt und Schulden aufgenommen und schickte mich und meine Schwester in eine ungewisse Zukunft.

 

NL: Wie viel Geld hast du im Monat zur Verfügung?

Obada: Das Sozialamt übernimmt unsere Miete und gibt uns jeden Monat 320 € pro Person. Naja das Leben in Deutschland ist teuer, vor allem für einen Jugendlichen. Deshalb reicht das nicht aus, um allen Bedürfnissen nachzugehen.  Meine Schwester und ich müssen sehr sparsam mit dem Geld sein, das uns zur Verfügung steht. Wir versuchen, mit dem Geld auch unsere Eltern in Jordanien zu unterstützen.

 

NL: Wie würdest du die Situation von jungen Flüchtlingen in Deutschland einschätzen?

Obada: Ich  denke schon, dass die Flüchtlinge sich in Deutschland zunächst wohlfühlen. Denn die meisten kommen aus Kriegsregionen und haben ein Leben in Angst und Furcht hinter sich gelassen. Wir versuchen die Angebote von sozialen Einrichtungen zu nutzen, um unsere Freizeit zumindest etwas menschlich zu gestalten. Dennoch sind die Gedanken bei den Zurückgebliebenen.

 

Das Interview führte Can Duman aus Bochum