Ich besitze dich

Stellen wir uns vor, wir treffen eine Entscheidung wie etwa, eine Ausbildung anzufangen, zu heiraten oder auch Kinder zu bekommen, planen für uns und gehen die ersten Schritte Richtung unserer Pläne. So denkt und handelt ein normaler Mensch. Nicht aber einer, der sich in der Börse handeln lässt. Ja, richtig gelesen, er handelt nicht, sondern lässt sich handeln.

Mike Merrill ist zum Beispiel ein Paradebeispiel für die „Ich-Aktie“, die aus den USA langsam aber sicher Richtung Europa kommt. Die Begründung dieses Projektes ist fragwürdig:  „Die Idee ist eine kreative Antwort auf die zentrale ökonomische Frage des Bildungssystems. Jeder hat es nun selbst in der Hand, sich genug Geld für die eigene Ausbildung zu beschaffen. Nicht Herkunft und Familienvermögen zählen. Die richtige Idee, verknüpft mit einer brillanten Investmentstory für Ego und Alter Ego, gibt den Ausschlag. Das kann zum Beispiel den hochpreisigen exklusiven Bildungsmarkt der Business Schools öffnen und das Gut Ausbildung demokratisieren. Statt nach dem Studium Zigtausende an Schulden mit durchs Leben zu schleppen, lässt man andere zahlen: Du kaufst Anteile an mir, ich nutze dein Geld für mein Fortkommen – und die Rendite teilen wir uns.“, so im Blog der Chefredaktion der Wirtschaftswoche. Hört sich ja wunderbar an. Ich muss Anteile an mir selbst verkaufen, um eine Zukunft zu haben. Ist diese Denkart normal?

Um eine Beziehung mit Marijke Dixon eingehen zu können, musste Merrill einen Vertrag unterzeichnen und von seinen Aktionären die Beziehung genehmigen lassen. Was für ein Glück, dass sie mehrheitlich nichts gegen die Beziehung einzusetzen hatten. Unter anderen ist in dem Vertrag festgesetzt, dass das Paar drei mal wöchentlich sexuelle Handlungen zu erfolgen hat, sich täglich die Zähne putzen und Zahnseide benutzen wird und einen Monat, bevor es auseinander geht, die Aktionäre informieren muss. Soviel dazu, dass der Mensch im Kapitalismus frei leben und frei entscheiden kann. Das ist der Kapitalismus höchstpersönlich. Der Mensch wird in dem Falle zum Kapital. Auch wenn sich diese Geschichte lächerlich anhört; sie spiegelt das Wesen des Kapitalismus ganz genau wieder! Mach alles zu Geld, was sich bei drei nicht rettet.

Heute liegt der Börsenwert von Merrill bei 26000 Euro. Als Merrill sich selbst und sein Projekt 2013 in einer Talk-Show vorgestellt hat, lag sein Wert bei über 100000 Euro. Er konnte 100000 Anteile ausgeben, die jeweils damals 1 Dollar gekostet haben. Davon ist er auch 7000 Aktien losgeworden. Die Ich-Aktie wird bei Aktionären immer beliebter, auch wenn das Glück und der persönliche Erfolg des Menschen zum Spekulationsobjekt werden. Sprich Komponente, die man an sich nicht beeinflussen kann. Diese Komponente mögen sich ändern, aber eines bleibt: Der Mensch ist verlässlich, da er mit der Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent während der Ausbildung zum Top-Asset für die Aktionäre wird.

Es ist nicht zu verantworten, dass der Mensch Anteile an sich selbst verkaufen muss, um seine Bildung zu finanzieren. Wer sich diesem Projekt unterwirft, unterwirft sich den Entscheidungen anderer und kann nicht einmal entscheiden, wann er sich von seiner Freundin oder seiner Arbeit trennen möchte. Es ist nichts anderes, als die moderne Form der Sklaverei, die auf dem Weg nach Europa ist. Noch kann in Deutschland nach dem Börsengesetz eine natürliche Person nicht gehandelt werden. Aber die Frage ist, wann diese Ich-Aktie salonfähig wird, wenn tatsächlich so viele Aktionäre Interesse an ihr finden. Über zwei blaue Häkchen bei  Whatsapp können wir wochenlang diskutieren, aber wenn es darum geht, unser Leben vertraglich festzuhalten, kann es unsere freie Entscheidung sein. Bei dieser Entscheidung sind wir tatsächlich frei. So frei, dass wir auf unsere Freiheit verzichten.

 

Cigdem Ronaesin