Angst vor Frauen – Angst vor Kommunismus

Aydin Cubukcu

Wenn der Satz, der mit den Worten begann „Mit ihren zierlichen Körpern…“, nicht mit den Worten „ähnlich wie in kommunistischen Regimen“ geendet hätte, hätten wir dazu keine Stellung in dieser Kolumne beziehen müssen.
Der Staatspräsident (gemeint ist der türkische Staatspräsident Erdogan, d. Übers.) geht im Zusammenhang von Gleichberechtigung von Mann und Frau immer wieder auf biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein. Somit versucht er, bevor überhaupt eine Diskussion angefangen hat, als Gewinner aus der Diskussion herauszugehen. Denn: Wenn man die biologische bzw. anatomische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ins Zentrum der Diskussion stellt, dann kann die Gleichberechtigung von Mann und Frau leicht als unmöglich, ja sogar unsinnig oder gar idiotisch dargestellt werden.
Die zwangsläufige Folge dieser Argumentationskette ist dann die Fortsetzung der Unterdrückung von Frauen, die seit vielen Geschichtsepochen mit derselben Argumentationskette gerechtfertigt wird. Aber wenn man die historisch-gesellschaftliche Realität betrachtet, wird ganz deutlich, dass im Bereich der Ausbeutung der Arbeitskraft, diese Ungleichheit der Geschlechter ganz und gar nicht berücksichtigt wurde. Ganz im Gegenteil; die Arbeitskraft von Frauen ist in allen Produktionssystemen (Sklavenhalterordnung, Feudalismus und Kapitalismus) umso rücksichtsloser ausgebeutet worden. Es ist nicht danach gefragt worden, ob diese Arbeitskraft von „zierlichen Körpern“ geleistet wird. Auch als sie die gleiche Arbeit wie Männer taten, mussten sie in den miserabelsten Umständen arbeiten und bekamen die geringste Bezahlung.
„Sollen sie etwa, wie in kommunistischen Regimen, Spitzhacken und Spaten in die Hand gedrückt bekommen?“, fragt der Staatspräsident. Im selben Moment frage ich mich, wie viele hunderttausend Frauen in seiner eigenen Herkunftsstadt Rize auf ihren berühmten Teeplantagen mit Spitzhacken und Spaten arbeiten? Sind diese alle Kommunistinnen? Oder sind die Besitzer dieser Plantagen Kommunisten? Was ist daran verwerflich, den Frauen Spitzhacken und Spaten in die Hand zu drücken, wenn diese zu jeglicher Arbeit bereit sind, um ihre Kinder zu versorgen und ihre Arbeit in ordentliche Arbeitsverhältnisse und eine anständige Bezahlung eingebettet ist? Welche Arbeit haben Frauen schlechter als Männer gemacht? Sind alle Frauen, die große Maschinen, Traktoren, LKW und Lokomotiven bedienen können, Kommunistinnen oder arbeiten alle diese Frauen nur in kommunistischen Ländern?
Das ist nicht das Problem! Der Staatspräsident weiß sehr genau, dass werktätige Frauen gleichzeitig auch Frauen sind, die Politik machen, die für ihre Rechte kämpfen und streiten können. Das, wovor der Staatspräsident und seines Gleichen am meisten Angst haben, ist, dass Frauen das Selbstbewusstsein erlangen und gesellschaftlich wirksame Akteure werden, sich nicht einschüchtern und ausbeuten lassen. Noch mehr Angst haben sie jedoch davor, dass Frauen ein Teil eines Regimes werden, dessen politisches Verständnis den Wünschen und Forderungen der Frauen entspricht. Das ist die Angst einer jeden frauenfeindlichen Politik.
Deswegen sollen die Frauen in die eigenen vier Wände, unter sklavischen Verhältnissen eingesperrt werden.
Dass dieser primitiven Vorstellung, wie immer die „Gefahr“ „Gespenst des Kommunismus“ entgegengestellt wird, ist unausweichlich! Weil der Staatspräsident in diesem Sinne eine wichtige Realität und Zusammenhänge aufgezeigt hat, möchten wir ihm danken: Wer seiner Veranlagung nach Angst vor Frauen hat, hat selbstverständlich auch Angst vor dem Kommunismus. Wir freuen uns darüber, wenn Frauen statt auf Knien lebend sich dafür entscheiden, aufrecht und mit erhobenem Haupt zu arbeiten. Wenn dies die Sklaventreiber dann auch noch an das „Gespenst des Kommunismus“ erinnert, dann freut uns das umso mehr!