Die national-ethnisch konnotierte Sprachpolitik: Ausgrenzungen und Diskriminierungen

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Dr. Safiye Yildiz*

Menschen wurden historisch und werden aktuell anhand von Kategorien wie Ethnie, national- ethnisch definierter Kultur, Geschlecht, „Rasse“ und Religion voneinander unterschieden. Diese  Unterscheidungen beruhen auf soziale Konstruktionen und wirken auf das Denken, die Verhaltensweisen, Haltungen, Handlungen sowie Kommunikations- und  Interaktionsprozesse der Menschen. Die Klassifizierung der Menschen anhand von sozialen und kulturellen Kategorien ist nicht neutral und strukturiert ein hierarchisches Beziehungsverhältnis zwischen Menschen. Diese kategorialen Differenzierungen gehen von hegemonialen politischen aber auch diese fördernden wissenschaftlichen Diskursen aus und grenzen Menschen, die als „anders“ und von deutschen „abweichend“ definiert werden, aus. Mit diesen Differenzierungen wird die Zugehörigkeit der Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund zu der Einwanderungsgesellschaft bzw. der Migrationsgesellschaft, was Deutschland kennzeichnet, permanent abgestritten.

Politik der Spaltung
Die Debatte, die die CSU ausgelöst hat, dass Menschen mit Migrationshintergrund nunmehr auch zu Hause deutsch sprechen sollen, zeigt, wie anhand auch der deutschen Sprache eine Politik der Spaltung und Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund betrieben wird. Sprache kommt dann nicht lediglich als ein Kommunikationsmittel zum Tragen, sondern wird zum politisch-symbolischen Medium, mit dem normative Ansprüche an Menschen mit Migrationshintergrund gestellt werden. Das Sprechen und Kommunizieren in der deutschen Sprache wird zur Korrektur der gesellschaftlichen Verhältnisse stilisiert, indem behauptet wird, dass durch Deutschsprechen die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund in die „deutsche“ Gesellschaft und damit das Zusammenleben besser gelingen würde. In diesen Ansprüchen schlägt sich die einseitige normative Erwartung an Menschen mit Migrationshintergrund nieder. Die deutsche Sprache wird so zu einem politischen Instrumentarium, mit der die hierarchische Strukturierung und Ordnung sozialer Beziehungen zwischen Menschen einhergeht. Im Alltagsleben begegnen Menschen mit Migrationshintergrund oft den gutgemeinten, jedoch real normativen Erwartungen der Deutschen, die ihnen sagen, dass sie doch Deutsch lernen sollen, weil das Erlernen der deutschen Sprache ihnen nützen würde. Sie würden sich in der deutschen Gesellschaft besser zurechtfinden. Andere normative Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund schlagen sich in den Kommunikationsprozessen nieder, wenn z.B. Menschen mit Migrationshintergrund eindeutig deutsch sprechen, aber grammatikalisch nicht richtig sprechen, von Deutschen im Alltag ad hoc korrigiert werden.

Sprache als politisch-symbolisches Medium
Die deutsche Sprache, und zwar die standardisierte und amtlich gesprochene deutsche Sprache wird als normativ vorausgesetzt und führt nicht nur zur Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund aus einer national-ethnisch konnotierten Sprachgemeinschaft, sondern auch zu ihrer Marginalisierung und Diskriminierung, und zwar auch wenn sie deutsch sprechen und ihren Lebensmittelpunkt hier haben. Die politischen Wirkungen, die durch Heranziehung der deutschen Sprache als politisch-symbolisches Medium, erzeugt werden, sind weitreichend. Mit der  deutschen Sprache als ein weiteres Unterscheidungsmedium wird der Eingriff in die private Lebenssphäre der Menschen mit Migrationshintergrund zur Diskussion gestellt und implizit legitimiert. Darüber hinaus werden mit der national-ethnisch konnotierten Sprachpolitik nationalistischen Parteien (wie z.B. AfD) und Gruppierungen,  Argumentationen geliefert, mit denen sie die Ausgrenzungen von Menschen mit Migrationshintergrund, diskriminierende und rassistische Verhaltensweisen legitimieren. Die Parallelität der Demonstrationen der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) zur politischen Debatte, dass Menschen mit Migrationshintergrund zu Hause deutsch sprechen sollen, zeigt, wie gut sich diese Diskurse ergänzen und mit diesen Ergänzungen und Verstrickungen das Zusammenleben der Menschen gefährden können. Es wird ein rassistisches Klima erzeugt, die im Alltagsleben der Menschen mit Migrationshintergrund spürbar wird. Wie die deutsche Sprache und das Deutsch-Sprechen zum Medium der Politik  wird bzw. wie eine Art politischer Populismus anhand der deutschen Sprache betrieben wird, der nicht das Zusammenleben, sondern die Spaltung der Menschen mit Migrationshintergrund von der deutschen Bevölkerungsgruppe fördert, zeigt sich auch daran, dass die politische Debatte jenseits wissenschaftlicher Befunde geführt wird.
Wissenschaftliche Forschungen belegen, dass es in dem Einwanderungsland (Deutschland) nicht nur viele Dialekte gibt (wie z.B. das Schwäbische), die von Menschen gesprochen werden und die für ihr soziales und kulturelles Zusammenleben einen Sinn und eine soziale Bedeutung haben, sondern aufgrund des Lebens vieler Menschen mit Migrationshintergrund Multilingualität den Normalzustand darstellt (vgl. Gogolin 2008, Inci Dirim 2010).  Diese Realität wird schlicht verdrängt, wird nicht wahrgenommen und anerkannt. Darüber hinaus belegen Forschungen, dass Kinder gleichzeitig zwei Sprachen lernen und mit beiden Sprachen  kommunizieren können, ohne dass sie eine Barriere für ihre Lern- und Integrationsprozesse darstellen würden. Darüber hinaus lernen Kinder mit oder ohne Migrationshintergrund die deutsche Sprache bereits in den Kindergärten und Schulen und kommunizieren mit dieser Sprache. Auch das zeigt, wie pauschalisiert die politische Debatte über das zu Hause deutsch-Sprechen geführt wird. Aber genau diese Pauschalisierungen anhand einer national-ethnisch konnotierten Sprachpolitik erzeugen diskriminierende und rassistische Wirkungen, die immer wieder  durch wissenschaftlich fundierte Diskurse über Multilingualität und Analysen des Sprachnationalismus zurückgewiesen werden müssen. Wenn ein gerechtes Zusammenleben gewollt wird, so müssen alle politischen Parteien von einer national-ethnisch konnotierten Sprachpolitik, die Menschen abspaltet und diskriminiert, absehen.

Dr. Safiye Yildiz (Akademische Rätin an der Universität Tübingen)