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Tugba Bakirci

Unter dem Motto „Transnationale Aktionen gegen die EZB Eröffnungsfeier- Let’s take over the Party“ rief das Blockupy Bündnis für den 18. März zum Protest auf. Die Polizei bereitete sich schon Tage vorher auf diesen Tag vor. Insgesamt waren 8.000 bis 10.000 Polizisten im Einsatz. Außerdem wurden fast alle Wasserwerfer der Bundesrepublik Deutschland nach Frankfurt geholt. Um die 100km lange „Nato-Draht“ wurde offiziell verwendet. Zwei Sonderzüge wurden von Berlin über andere Städte nach Frankfurt organisiert. Aus 39 europäischen Städten kamen 60 Busse. Zwei dieser Busse wurden am Grenzübergang angehalten und es fand eine Ausweiskontrolle statt. Der Tag fing an mit der Blockade um 7.00 Uhr. Das Bündnis schrieb in ihrem Aufruf: „Von der Blockade des Blockupy Bündnis geht keine Eskalation aus“, allerdings haben sich viele nicht daran gehalten. Man geht von 6.000 Aktivistinnen und Aktivisten aus, die am frühen Morgen in Frankfurt unterwegs waren. Schnell verbreiteten sich Bilder im Netz von brennenden Mülltonnen und Autos. Polizeistationen wurden angegriffen und Fensterscheiben zerstört.
Bilanz: 7 Polizeiwagen, mehrere Mülltonnen und andere Autos wurden angezündet. Außerdem wurden ca. 200 Demonstrierende verletzt, 50 von ihren durch Schlagstöcke und die meisten anderen durch eingesetztes Tränengas, außerdem wurden 91 Polizisten verletzt. Auf Twitter gab es viele Äußerungen dazu. Viele zeigten Verständnis für die Demonstrierenden aber auch für Polizei, wie zum Bespiel der SPD Politiker Erik Donner „Wenn der Schlagstock heute etwas lockerer sitzt, habe ich vollstes Verständnis dafür.“
Zwischenzeitig hielten die Veranstalter des Bündnisses eine Pressekonferenz. Ulrich Wilken, einer der Veranstalter, äußerte sich “Ich hätte mir den Vormittag anders gewünscht. Das war nicht alles so, wie wir es in Blockupy geplant haben, wie wir es vereinbart haben. Manches habe ich mit Entsetzen gesehen[…] Zugleich habe ich aber auch großes Verständnis für die Wut der Menschen. Für die Wut über eine Krisenpolitik, […] Wut über eine Politik, in deren Folge die Säuglingssterblichkeit in Griechenland drastisch gestiegen ist.”
Nach dem unruhigen Vormittag folgten viele Demonstrierende dem Aufruf des DGB. Die Demonstration verlief friedlich, doch konnte die übliche Demoroute nicht eingehalten werden. Allerdings wurde die Demonstration nicht abgebrochen, sondern auf den Römer Platz geleitet, wo eine Kundgebung stattfand.
Auf der Kundgebung hielten unter anderem Sahra Wagenknecht (Die Linke), Giorgios Chondros (Vorstandsmitglied SYRIZA) und Aktivisten aus dem Ausland eine Rede über die Verarmungspolitik in Europa. Die Menschenmenge wurde immer größer und bunter. Um 17 Uhr fing die Großdemonstration des Blockupy-Bündnisses an. Mit ca. 25.000 Demonstrierenden, die einen mit Trommel und Flöte, andere verkleidet als Clowns, und andere mit Transpis und Plakaten in der Hand war es eine bunte, laute und politische Demo durch die Frankfurter Innenstadt, es kam zu keinen Ausschreitungen. Nach der Demonstration fuhren die meisten mit ihren Bussen wieder nach Hause. Zurück blieben eine zerstörte Innenstadt und etliche Bilder im Internet. Das Echo danach war groß. Viele Politiker äußerten sich dazu. Außerdem gab es eine „Aktuelle Stunde“ im Bundestag zu den Ereignissen in Frankfurt.
Das Bündnis kritisierte die Medien und fand es schade, dass nur über die Gewalt berichtet und so von dem eigentlichen Thema abgelenkt wurde.

Doch was ist das eigentliche Thema? Gegen was ist der Widerstand auch in Deutschland angekommen? Warum steckt so viel Wut und Frust in den Menschen?
Christoph Kleine vom Aktionsbündnis äußerte sich so zu den Ereignissen vom Vormittag: “Wenn wir über Gewalt sprechen, müssen wir zuallererst über die tödliche, existenzielle Gewalt gegenüber den Menschen in Griechenland sprechen. Und wir müssen über die Gewalt der Polizei sprechen, über den massiven Einsatz von Tränengasgranaten und Wasserwerfern.“ In Spanien sieht dies nicht anders aus. Seit 2010 wurden über eine Millionen Wohnungen zwangsgeräumt. Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen liegt bei 50%. Etliche Krankenhäuser wurden geschlossen.“
Doch auch in Deutschland gibt es ausreichend Gründe, wütend zu werden. Sei es die Einführung von Hartz 4 und der Agenda 2010, Geheimdienstliche Abhörung oder die Leiharbeit. All dies waren Gründe, warum die Menschen auf die Straße gingen. Die Wut und die Verzweiflung der Menschen ist groß und nicht kann durch polizeiliche Gewalt gestoppt werden. Es sind politische Konflikte, die uns alle etwas angehen, aber von der Politik kein Gehör bekommen. So kann das nicht weiter gehen. Der 18. März wird nicht so leicht aus den Erinnerungen verschwinden, aber auch nicht das Ende des Widerstandes sein.
Stellungnahmen:
Gamze – München: Die Eröffnung der EZB zu feiern, während Millionen von Menschen unter ihrer Verelendungspolitik verhungern und verarmen, ist eine bodenlose Frechheit. Umso schöner ist es, gesehen zu haben, dass zehntausende aus ganz Europa nach Frankfurt gereist sind, um genau dagegen zu demonstrieren! Viele empören sich über die Vorfälle am frühen Vormittag, jedoch sollte man diese Form von Protest hinterfragen und den eigentlichen Fokus, nämlich die EZB, keinesfalls verlieren. Sie ist mitunter verantwortlich für die immer mehr zunehmende Verarmung von Millionen von Menschen in Europa. Das gilt zu verurteilen und nicht das Verhalten einer absolut kleinen Minderheit von Demonstranten.

Doğuş – Frankfurt: Frankfurt, so international und so laut, wie schon lange nicht mehr. Menschen überall aus Europa und aus Deutschland, die gegen die Ausbeutung und die Politik der Troika demonstrieren. Um 8 Uhr bin ich zu den Protesten dazu gestoßen und habe sowohl die Wut der 500 aggressiven Demonstranten, als auch die friedlichen und lauten Proteste von tausenden Menschen, deren Präsenz in den Medien angesichts der brennenden Autos fast nicht mal erwähnt wird, miterlebt. Besonders berührt hat mich eine ungefähr 60 Jahre alte Dame aus Italien, die den gewaltbereiten Polizisten erklärte, warum sie hier ist, nämlich für die Zukunft ihrer Kinder und Enkelkinder. Die Polizisten brachten angesichts ihrer emotionalen Rede nicht mehr als ein müdes Schmunzeln hervor und versuchten bei der nächstbesten Gelegenheit durch zu brechen, ohne Rücksicht auf die alte Dame.

Zilan – Köln: Es war sehr beeindruckend, wie viele Menschen sich in Frankfurt versammelt haben, um gemeinsam für ein solidarisches Europa zu protestieren. Nicht nur aus Frankfurt und Deutschland, sondern aus ganz Europa haben sich die Menschen in Frankfurt getroffen. Allerdings haben die Medien recht wenig über die kapitalismuskritischen Demonstration berichtet, welche friedlich abliefen, sondern mehr über brennende Autos. Über die Gewaltbereitschaft der Polizei hat man wenig gelesen. Und wenn, dann nur beschönigend! Die Gewalt gegenüber der Bevölkerung ist zu verurteilen. Es ist schön zu wissen, dass so viele Menschen gemeinsam gegen kapitalistische Werte auf die Straße gehen können!