Arbeitsmorde: Wird mit dem Prozess ein Zeichen gesetzt?

Nilgün TUNÇCAN ONGAN

Der Strafprozess im Fall “Soma” ist fast ein Jahr nach dem Arbeitsunfall gestartet, der die Ausmaße eines Massenmordes erreicht hatte.
Am 13. April fand der erste Verhandlungstag in Abwesenheit der Angeklagten statt, weil das Ministerium ihrer entsprechenden Bitte stattgegeben hatte. Die Angehörigen und Rechtsanwälte der getöteten Kumpel protestierten dagegen. Und auch in der Öffentlichkeit führte dies zum Unmut. Das Gericht sah sich deshalb gezwungen, die Angeklagten in den Gerichtssaal zu bestellen. Somit waren die Angeklagten am zweiten Verhandlungstag im Saal.
Allein dieser Umstand macht das Verhältnis von Klassengleichheit und der Suche nach Gerechtigkeit deutlich. Selbst um den Betreiber einer Miene, in der 301 Kumpel getötet wurden, in den Gerichtssaal zu bestellen, bedarf es eines gesellschaftlichen Kampfes. “Wie hätten Sie an unserer Stelle geurteilt?”
Wir erfahren, dass ein Großteil der Familienangehörigen und der Kumpel, die den Unfall überlebten, weiterhin in ärztlicher Behandlung sind. Sie sagen, dass sie deshalb keine Neuanstellung finden konnten. Die Unternehmer wollen sie nicht einstellen, weil sie Psychopharmaka nehmen. Andere wurden auf eine schwarze Liste gesetzt, weil sie nach dem Unglück öffentlich Erklärungen abgegeben hatten. Wer wieder eingestellt wurde, erhielt die Auflage, sich nicht am Prozess zu beteiligen und stillzuhalten.
Die Gutachten des staatlichen Wissenschaftrates TÜBİTAK, die teilweise bekannt wurden, zeigen, dass sich das Unglück angekündigt hat. Demnach waren die Atemmasken teilweise unbrauchbar, eingerostet und nicht einsetzbar. Darüber hinaus wurde auf Hochtouren und am Kapazitätsmaximum Kohle abgebaut, weswegen Arbeitsschutzvorschriften einfach ignoriert und nicht eingehalten wurden. Die Anlage zur Stromversorgung wurde nicht abgenommen. Und auch das Kommunikationssystem funktionierte nicht richtig. Kurzum: Es war mehr als ein Unglück, das sich abgezeichnet hatte. Das Ganze grenzt an vorsätzlichen Mord. Damit kann man auch den Druck erklären, dass die Kumpel stillhalten sollen.
Sie berichten, dass sich ihr Gesundheitszustand im letzten Monat vor dem Unglück zusehends verschlechterte. Sie hatten über Fieber, Schüttelfrost und Brechreiz geklagt. Die Temperaturen lagen in den Schächten weit über den Normalwerten. Als sie sich beim Arbeitgeber darüber beschwert hatten, wurde ihnen mit Kündigung gedroht. Heute wissen wir, dass es damals zu ein Schwelbrand gekommen war und ihre Klagen auf die Rauchvergiftung zurückzuführen waren.
Ihre Zeugenaussagen, die sie trotz Repressionen machten oder die Tatsachen, die anhand der Gutachten trotz aller Mängel ans Licht kamen, zeigen, dass man zumindest in Soma mit der Wahrheit nicht mehr hinterm Berg halten kann.
Das reicht aber noch lange nicht. Denn, wenn man weitere Arbeitsmorde verhindern möchte, müssen nicht nur die Verantwortlichen in dem Betrieb, sondern auch in der Politik aufgedeckt werden, die die Grundlage in Soma bereitet haben. Nicht der Arbeitgeber, sondern auch die Regierungsvertreter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und das Wichtigste ist: Wenn man bedenkt, dass am Tag durchschnittlich vier Arbeiter bei Arbeitsunfällen getötet werden, müssen die Funktionsweise und das Wesen des kapitalistischen Systems, die gesetzlichen Bestimmungen, die diese Morde ermöglichen, auf die Anklagebank. Die Verknüpfung zwischen den Arbeitsmorden und der Beschäftigungspolitik muss aufgedeckt werden.