Der Völkermord an Armeniern

 

İhsan Çaralan

Weltweit finden in diesem Jahr anlässlich des 100. Jahres des Völkermords an Armeniern Gedenkveranstaltungen statt.
In jüngster Vergangenheit hieß es noch: “Es gab keinen Völkermord, sondern Verbannung von Armeniern”, “Kein Völkermord an, sondern Unterdrückung durch Armenier”, “Die Frage sollten wir den Historikern überlassen”. Nach dem Bekanntwerden der Aussagen von Zeitzeugen oder dem Auftauchen historischer Dokumente und vor dem Hintergrund der steigenden gesellschaftlichen Sensibilität sprechen heute immer größere Kreise von einem Völkermord an Armeniern.
Selbst der Heilige Vater Franziskus, der in den vergangenen Jahren alles Mögliche unternommen hatte, um nicht den Begriff Völkermord zu verwenden, musste am 100. Jahrestag den Völkermord anerkennen. In seiner ersten Ansprache nach den Oster-Feiertagen sagte er, dass der Völkermord an Armeniern von vielen als der erste Völkermorde des vergangenen Jahrhunderts eingestuft werde.
Er war der erste Staatsgast im neuen Präsidentenpalast in Ankara. Als dieses Kommentar geschrieben wurde, hatte sein Gastgeber Erdogan noch keine Erklärung in Richtung Vatikan abgegeben. Die Regierung ließ allerdings mit einer Reaktion darauf nicht lange auf sich warten. Ministerpräsident Davutoglu erklärte, es sei unpassend, dass der Papst den Völkermord anerkenne. Die damalige Regierungspartei und die Führung im Osmanischen Reich ließ er unerwähnt und stellte weniger bedeutsame Faktoren in den Vordergrund.
Auch die CHP gab dazu eine zu erwartende Erklärung ab. In ihrem Namen sagte Faruk Logoglu, der Vorwurf eines Völkermords sei wissenschaftlich, historisch und rechtlich nicht belegt. Die Türkei müsse ihren Botschafter aus dem Vatikan abziehen, solange der Papst seinen Vorwurf nicht zurückziehe. Damit preschte er in Sachen Nationalismus weiter als die Regierung vor, die lediglich den Botschafter nach Ankara bestellte, um sich zu informieren.
Sicherlich mussten zur Zeit der Vernichtung der Armenier auch andere Bevölkerungsgruppen in Anatolien viel Schmerz und Leid erfahren. Die Imperialisten verfolgten damals das Ziel, verschiedene Bevölkerungsteile gegeneinander zu hetzen, um ihre eigene Herrschaft zu festigen. Es geht bei der Debatte heute aber nicht darum. Es geht viel mehr darum, wie die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches die Geschichte aufarbeitet und ob sie sich der Frage des Völkermords stellt. Deshalb ist die Forderung Davutoglus, der Papst solle auch das Leid anderer Völker anerkennen, lediglich Ausdruck des Versuchs, von der eigentlichen Frage, nämlich dem Völkermord an Armeniern abzulenken. So hatte die AKP-Regierung am 24. April, der international als Gedenktag an den Armenier-Genozid anerkannt ist, zu einer Feier für den 100. Jahrestag des Sieges von Dardanellen eingeladen. Es wurden zahlreiche Staatsoberhäupter eingeladen, um das Gedenken an die Armenier in den Hintergrund zu rücken. Internationale Reaktionen darauf machen aber deutlich, dass die AKP-Regierung und Erdogan sich in dieser Frage auf dem Holzweg befinden.
Aus der Sicht der Intellektuellen, Demokraten und der Arbeiterklasse der Türkei darf es allerdings nicht nur darum gehen, den Völkermord lediglich anzuerkennen. Als Angehörige eines Staates, der die Verantwortung am Massenmord trägt, müssen sie sich viel mehr für die Verbrüderung der Völker, für die Demokratisierung und für den Internationalismus der Arbeiterklasse einsetzen. Auch in dieser Hinsicht sind sie verpflichtet, eine Aufarbeitung der Geschichte fortzuführen. Dieser Einsatz muss als Bestandteil ihres Kampfes für ein laizistisches und demokratisches Land angesehen werden.