Hilfe, Polizei!

Cigdem Ronaesin
Rassistische Praktiken und Polizeigewalt sind nicht nur ein Problem in den USA, sondern auch in Deutschland. Erst Mitte April kam es wieder zu einer brutalen Gewaltexzesse seitens der Kölner Polizei. Das Szenario hört sich an, wie ein schlechter Witz. Ein junger Student mit nigerianischen Wurzeln verließ eines Mittags die Wohnung seiner Eltern in Köln. Dabei bemerkte er ein Auto mit vier, teils glatzköpfigen Männern, die ihn beobachteten. Die Männer riefen ihn an ihr Auto und stiegen schnell aus dem Auto aus. Der Student bekam es- berechtigterweise- mit der Angst zu tun und rannte davon. Was der junge Mann nicht wusste: die vier Männer, die er wohl für Nazis hielt, waren Polizisten in Zivil, die einen Verdächtigten suchten. Dass sie dem Falschen auf der Fährte waren, interessierte die Beamten herzlich wenig. Als der Student die Flucht ergriff, rannten sie hinterher, fingen ihn und schlugen ihn krankenhausreif. Dass der junge Mann dabei ständig: „Hilfe, Polizei!“ gerufen hatte, entging dem Spürsinn der Polizisten offensichtlich. Auch nachdem der Irrtum herauskam, zeigten sich die Behörden uneinsichtig, sprachen von „keiner Amtspflichtverletzung“ und einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Auf eine Entschuldigung, geschweige denn Schmerzensgeld oder Schadenersatz, warten der Student und seine Familie vergeblich. Polizeigewalt ist keine Seltenheit in Deutschland. Bei der Blockupy-Demonstration in Frankfurt am 18. März wurden mehrere hundert Demonstranten von der Polizei verletzt. Unvergessen bleibt der Fall von Dietrich Wagner, der während einer S21-Demo von einem Wasserwerfer der Polizei am Auge getroffen wurde und heute auf diesem Auge fast blind ist. Hinzu kommen die alltäglichen Schikanen, die besonders Menschen mit Migrationshintergrund und/oder linker politischer Einstellung zu erdulden haben. Das bekannteste Beispiel für Rassismus innerhalb der Ermittlungsbehörden sind wohl die NSU-Morde. Die Polizei bedrängte die Hinterbliebenen der Opfer. Wie Semiya Simsek, die Tochter des 1. Opfers, Enver Simsek, in ihrem Buch „Schmerzliche Heimat“ beschreibt, brachte die Polizei ihren Vater mit Drogengeschäften in Verbindung, erfand eine zweite Familie. Ähnlich erging es den anderen Opfern. Immer wieder wurde von „Türken-Mafia“ und „Morden in der Community“ gesprochen. Als man doch endlich, nach dem 6. Mord an Ismail Yasar, zu „ermitteln“ begann, wurde die Einheit „SoKo Bosporus“ genannt. Rassistischer geht es kaum noch. Ähnlich, wie in Amerika, ist der Rassismus auch hier, in Deutschland, noch alltäglich. Dass solche Dinge, 70 Jahre nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus und der Befreiung von Auschwitz, noch ständig vorkommen, lässt alle Behauptungen, dass wir in einer „bunten“ und „glücklichen“ Gesellschaft leben, umso zynischer klingen. Wo bleibt denn unsere „Buntheit“, wenn wir von Polizeiknüppeln und Wasserwerfern attackiert werden? Wenn wir, ohne Grund, beim Autofahren angehalten werden? Oder, wenn wir aus dem Haus laufen wollen und dabei von vier Polizisten verprügelt werden.