Unterversorgung und Benachteiligung armutsgefährdeter Kinder

Dogus Ali Birdal
Die Zahl der unter 15-Jährigen in Deutschland, deren Familien ein Einkommen unter der Armutsgrenze aufweisen, beträgt 2,1 Millionen.Außerdem gibt es in Deutschland auch viel verdeckte Armut, da viele Familien trotz ihrem geringen Einkommen entweder kein Sozialgeld kriegen oder beantragen. Eine repräsentative Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat gezeigt, wie Armut den Alltag der Kinder bestimmt und für einen Mangel an sozialer Teilhabe sorgt.
Bei einem Vergleich des IAB von Kindern aus SGB-II-Haushalten mit Kindern in gesicherten Einkommensverhältnissen zeigte sich der Grad der Benachteiligung weniger bei der „elementaren Grundversorgung“, sondern in anderen Bereichen, so die Studie. Aus finanziellen Gründen wohnen 20 Prozent der Kinder im Grundsicherungsbezug in beengten Wohnverhältnissen, während dies nur 3,9 Prozent der Kinder in gesicherten Einkommensverhältnissen betrifft. Drei viertel der Kinder, deren Eltern SGB-II-Leistungen erhalten, können keinen Urlaub von mindestens einer Woche machen, 14 Prozent leben in Haushalten ohne Internet, 38 Prozent in Haushalten ohne Auto und ungefähr einem Drittel gelingt es aus finanziellen Gründen nicht, mindestens einmal im Monat Freunde nach Hause zum Essen einzuladen. Außerdem besitzen in 10 Prozent der SGB-II-beziehenden Haushalten nicht alle Haushaltsmitglieder ausreichende Winterkleidung.
Die Studie zeigt, dass es zwar den wenigsten an der „elementaren Grundversorgung“ fehlt, die soziale Benachteiligung jedoch massiv ist und die Kinder im Alltagsleben stark einschränkt und auch von gleichaltrigen, die in Familien mit gesicherten Einkommensverhältnissen aufwachsen isoliert und ausschließt. Auffallend ist, dass der Begriff „elementare Grundversorgung“ anscheinend den sozialen Kontakt und Freizeitaktivitäten nicht mit einschließt.
Nicht nur die unaufhörlichen finanziellen Probleme liegen armutsgefährdeten Familien zur Last. Familieninterviews der Armutsforscherinnen Sabine Andersen und Danijela Galic (Universität Frankfurt) zeigten, dass sich den finanziellen Problemen sehr oft Krankheiten, Trennung der Eltern, beengte Wohnverhältnisse und unsichere Schulwege anschließen und die Kinder in jungen Jahren hohem psychischen Druck ausgesetzt sind.
Auch für die Eltern bedeutet es oft eine sehr große Belastung, denn auch sie wollen ihren Kindern das Beste bieten und wünschen sich für ihre Kinder eine gute Bildung, weshalb sie oft ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen.
Oft führt das Gefühl der fehlenden Selbstbestimmung bei einkommensschwachen Eltern zur Erschöpfung, Unzufriedenheit und Aufgabe. Die mangelnde staatliche Unterstützung im sozialen Bereich ist dafür der Hauptgrund. Viele behördliche Anlaufstellen, zu oft wechselnde Ansprechpartner und zu viele bürokratische Hürden erschweren ihnen den Weg und als Familie in einer Problemlage werden die meisten Familien nicht wahrgenommen. Dies bestätigen befragte Fachkräfte aus Verwaltung und Bildungseinrichtungen.
Bis jetzt konzentriere sich die Familien- und Sozialpolitik sehr stark auf die Integration von Eltern in den Arbeitsmarkt, so die Andresen/Halic- Studie. Eltern werden hierbei nur als potenzielle Arbeitskraft betrachtet, auf ihre individuellen Probleme wird so gut wie gar nicht eingegangen. Empfehlenswert sei die Einrichtung von Anlaufstellen mit festen Ansprechpartnern, die die individuelle Familiensituation kennen, der Einsatz von mehr Fachkräften und strukturelle Veränderungen, die den Fachkräften mehr Entscheidungsspielräume ermöglichen.