Jung und Flüchtling

Silan Kücük

Den Teufel an die Wand malen? Übertreiben und Wahrheit verzerren? Falsche Bilder und Assoziationen suggerieren? Ja! Manchmal kommt einem die ‚Kotze’ hoch, wenn die Berichterstattung bezüglich Flüchtlinge und Asylbewerber*innen nicht hinnehmbare Kommentare und „Analysen“ vorkaut…
Dank der Politik und den Medien wirkt sich das verzerrte Bild auch auf das Zusammenleben im Alltag aus. Zum Beispiel haben sich in den vergangenen Wochen Bürgerinitiativen gegen Flüchtlingsheime gegründet, ein Supermarkt in Hessen sei mit „Scharen“ von Flüchtlingen überfordert, die Bahnhöfe sind auf Grund von ‚so vielen’ Flüchtlingen belastet und zu guter Letzt wurde ein türkeistämmiger Schauspieler rassistisch beschimpft. So läuft das Leben „der großen Welle von Flüchtlingen“ in der sicheren Bundesrepublik Deutschland ab – sind sie nicht willkommen?

Seit 2014 ist die Zahl der Flüchtlinge gestiegen. Jeder dritte der mehr als 626.000 Asylbewerber in der Europäischen Union suchte Zuflucht in Deutschland – das heißt etwa 200.000 Flüchtlinge. Die Mehrheit, darunter viele Minderjährige und Jugendliche, kommen alleine nach Deutschland und wissen nicht wohin.

Weitere Auffälligkeiten bei der Auseinandersetzung mit dem Thema ‚junge Flüchtlinge’ sind, dass die Mehrheit der Flüchtlinge Männer sind. Auch statistische Zahlen zeigen, dass unter den Asylbewerbern in der EU deutlich mehr Männer als Frauen sind, jedoch ist dieser Unterschied unter den Flüchtlingen weltweit nicht vorhanden. Die Beantwortung der Frage ‚Warum meistens Männer?’, wird nicht schwer sein.
Auch in Deutschland ist der Anteil der weiblichen Flüchtlinge und Asylbewerber*innen deutlich geringer.
„Die Entscheidung zur Migration hängt von der individuellen Situation ab. In vielen Familien, die in Gefahr geraten, reichen die Ressourcen einfach nicht aus, um mehr als einem Mitglied die Flucht nach Europa zu finanzieren“, sagt Bernd Mesovic von Pro Asyl.
Außerdem gibt es weitere verschiedene Gründe, warum die jungen Männer als Frauen oder Ältere und Kinder auf den Weg geschickt werden. In der Regel sind Männer körperlich stärker, belastbarer und – je nach Herkunft – meistens gebildeter. Aus diesen Gründen haben Männer bessere Chancen, um eine gefährliche Reise zu überleben und im Fluchtland eine Arbeit zu finden. Hinzukommt natürlich der traditionelle und kulturelle Aspekt, dass der Mann der Haupternährer und somit in der Verantwortung steckt, für die Familie zu sorgen. Aus der Perspektive der Frau betrachtet, ist diese meist für den Nachwuchs verantwortlich. Somit könnte eine lebensgefährliche Reise mit Kindern beschwerlicher werden. Außerdem besteht bei Frauen das Risiko, dass sie in manchen Gebieten vergewaltigt oder gar verschleppt werden. Aus diesen Gründen ist vorstellbar, dass eher Männer sich auf die Flucht machen, statt Frauen. Dahingegen bleiben Familien in ihrer Heimat zurück mit der Hoffnung, dass sie entweder später über eine Familienzusammenführung ohne Risiko nachreisen oder aus der Ferne vom Mann versorgt werden.
Flüchtlinge aus Syrien zum Beispiel flüchten als Familie erst in die Nachbarländer und von dort aus reisen die Männer meistens weiter. Aus den oben genannten Gründen, versuchen die jungen Männer von dort aus nach Europa zu fliehen, um die Familien versorgen zu können.

Nun kommen wir auf den Punkt zurück: Was passiert mit den Flüchtlingen, wenn sie das Ziel erreicht haben?

Die Minderjährigen werden zunächst in Betreuungsstationen untergebracht. Nachdem sie um ihr Leben in ihrer Heimat fürchten mussten, mussten sich diese Jugendlichen ohne Eltern bis nach Deutschland durchschlagen. Während 2014 18.000 minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland kamen, betrug die Zahl bis Mai 2015 bereits 22.000. Um diese jungen Flüchtlinge kümmern sich bislang die Jugendämter, die auch nicht mit Personal und Mittel ausreichen. Außerdem können in ganz Deutschland minderjährige Flüchtlinge bislang an fünf oder sechs Orten untergebracht werden, was sich laut Politik ab Januar 2016 ändern soll. Damit man sich ein Bild des Zustandes verschaffen kann, gibt es Zahlen der jungen Flüchtlinge: 70 Prozent sind zwischen 16 und 17 Jahre alt, ein Viertel zwischen 14 und 15 Jahren und fünf Prozent sind noch jünger. Den Angaben der Bundesregierung zufolge sind die Hauptherkunftsländer der minderjährigen Flüchtlinge Afghanistan, Eritrea, Somalia, Syrien und der Irak. Diese haben bis zum 18. Lebensjahr auch ohne einen Asylantrag das Bleiberecht.

Die allgemeinen Zahlen zeigen, dass seit 2014 von den 200.000 Asylanträgen bisher 97.000 entschieden sind. Jetzt kommt’s! Von diesen 97.000 haben lediglich 40.500 ein Asyl bekommen. Die Restlichen wurden abgeschoben. Doch wie schaut es in den Medien aus? „Ach du liebe Güte! Die Flüchtlinge haben hier eine Frau belästigt. Hier haben sie Müll verursacht. Da haben sie laut geredet. Man fühlt sich nicht mehr sicher. Ach ja, da war ja das letzte Mal ein Diebstahl, das waren die Flüchtlinge.“ – kommt es nicht jedem so vor, wie mir im Moment? An allem was im Dorf, in der Stadt, im Bundesland und sogar in der Bundesrepublik Deutschland falsch läuft, sind die Flüchtlinge schuldig. Ergebnis: Brandanschlag im Flüchtlingsheim, Flüchtlinge wurde diskriminiert, ausgeschlossen, Mob-Aufmärsche gegen die bereits traumatisierten hilflosen Menschen vor den Toren ihrer Schutzheime.