Die kurdische Frage wird palästinensiert

Yusuf KARATAŞ
Die Nachrichtensprecherin kommentiert das Foto auf dem Bildschirm: „Als ich das Foto zum ersten Mal sah, fragte ich mich, ob es vielleicht in Palästina geschossen wurde. Dann erfuhr ich, dass es in Hakkari aufgenommen wurde.“ Auf dem Foto sind Jugendliche zu sehen, die sich mit Palästinenser-Tüchern vermummt haben und mit Waffen in ihren Händen hinter einer Straßenbarrikade stehen. Da allerdings die Nachrichtensprecherin die Hintergründe ausblendet, die zu der Aufnahme führten, spricht sie von einem „Terror, der ganze Städte in Geiselhaft genommen“ habe. Und sie merkt nicht, dass sie zu einer Palästinensierung der kurdischen Frage beiträgt!
Wissen Sie noch, wie Erdogan zum „Helden“ wurde, weil er auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos Shimon Peres sagte: “Sie wissen ganz gut, wie man Kinder tötet“? Vor wenigen Tagen wurden in Cizre drei Kinder getötet. In den Zeitungen stand: „Der 7-jährige Baran starb, als er unter einer Wand begraben wurde, die bei einer Schiesserei einstürte.“ Danach töteten Polizisten in Kiziltepe ein weiteres Kind. Ob in Diyadin oder Varto, in Silvan oder Yüksekova, in Lice oder Cizre, aus ganz Kurdistan bieten sich seit zwei Jahren ähnliche Bilder. Städte, in denen Ausgangssperre verhängt wird, werden belagert und bombardiert. Jugendliche versuchen ihre Stadtteile zu verteidigen. Kinder und andere Zivilisten werden getötet und in Särgen beerdigt, die mit kurdischen Fahnen geschmückt sind. Und wütende Menschenmengen, die die Särge tragen. Diese Bilder zeigen, wie sehr die kurdische Frage Tag für Tag palästinensiert wird. Und sie machen Erdogan seinem israelischen Gegenspieler immer ähnlicher, den Erdogan bei jeder Gelegenheit kritisiert.
Und wenn wir von Palästina sprechen, dürfen wir von Hamas nicht schweigen. Die israelische Regierung bezeichnet die Hamas, die im Westjordanland an der Regierung ist, als „terrroristisch“. Genauso wie die kurdischen Kommunalpolitiker, die mit dem Vorwurf „Unterstützung des Terrors“ in Handschellen abgeführt und verhaftet werden. Der Hamas-Führer Chalid Maschal traf Anfang August in der Türkei Erdogan. Danach wurde behauptet, die Türkei vermittele zwischen der Hamas und Israel. Und nach dem Treffen erklärte der Berater des Ministerpräsidenten Davutoglu, Yasin Aktay, er erwarte in Kürze den Abschluss eines umfangreichen Abkommens zwischen der Hamas und Israel. Diejenigen, die als Vermittler auftreten, verlassen in ihrem eigenen Land den Verhandlungstisch und töten in Kurdistan, wo sie das Kriegsfeuer entfacht haben, selbst Kinder.
Noch vor wenigen Monaten zeigten die Kurden mit der Wahl der HDP, dass sie für die demokratische Einheit, das gleichberechtigte Zusammenleben sind. Dagegen haben die AKP und Erdogan mit der Kriegstreiberei versucht, sich weiterhin an der Macht zu erhalten. Wenn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, wird der heutige Krieg nicht nur gegen Kurden geführt. Er soll dazu dienen, alle Volkskräfte, die sich gegen die Macht von AKP und Erdogan richten, einzuschüchtern und gefangenzunehmen. Mit der Palästinensierung Kurdistans nehmen gleichzeitig die Brüderlichkeit der Völker, die Einheit der Arbeiter verschiedener Nationalitäten Schaden. Der emotionale Bruch muss repariert werden, um die Palästinensierung zu verhindern. Wir haben keinen anderen Weg als für den Frieden zu kämpfen, um eine demokratische und friedliche gemeinsame Zukunft auf der Grundlage der Gleichberechtigung und Brüderlichkeit aufzubauen.