Für kämpferische Gewerkschaften, gegen Gewerkschaftsbürokratie

 

Onur Kodas

„Türk Metal wird gehen, damit Sorgen verwehen; Türk Metal Raus!“, schreien die Renault-Beschäftigten. Sie haben nunmehr die Funktionäre der Gewerkschaft Türk Metal ein weiteres Mal rausgeschmissen, nach dem diese versucht hatten, sich wieder in den Betrieb einzuklinken. Die Arbeiter protestierten auf allen drei Schichten gegen diese Versuche der Gewerkschaft. Die Arbeiter berichten, dass die Funktionäre erneut versucht hätten, in den Betriebsstätten Fuß zu fassen. Allerdings habe man sich gegenseitig relativ schnell alarmiert und dafür gesorgt, dass die Funktionäre wieder das Weite suchen. Die Arbeiter drohen weiterhin, dass, wenn die Türk Metal nochmals bei Renault Fuß fassen sollte, sie den Streik vom vergangenen Mai diesen Jahres wiederholen würden. „Immer wieder kommt uns zu Ohren, dass die Funktionäre sich auf ihr Zutrittsrecht berufen würden, weil sie den Haustarifvertrag bis einschließlich 2017 abgeschlossen hätten. Sie wollen warten, bis sich die Lage wieder beruhigt hat, um anschließend wieder das Kommando zu übernehmen… Würden wir diese Reaktionen nicht zeigen, würden die so tun, als wären wir nie ausgetreten und würden da weiter machen, wo sie aufgehört haben. Als wir zu Birlesik Metal IS übergetreten sind, haben wir denen ganz klar gemacht, dass wir die Proteste aus dem Mai erneut entflammen werden, sollten sie weiterhin die gegen uns gerichtete Türk Metal-Positionen beziehen!“, berichtet ein Arbeiter.

Was bisher geschah
Um diese Geschehnisse überhaupt verstehen zu können, muss der Streik der Metallarbeiter in der Automobilbranche im vergangen Mai nochmals vor Augen geführt werden. Dort legten Tausende Beschäftigte von Renault, Tofas, Ford, Türk Traktör 12 Tage lang nicht nur die Arbeit nieder, sondern besetzten auch gleichzeitig die Produktionsstätten. Der Arbeitskampf wurde ausgerufen. Nach den großen Streiks in den 70´er Jahren nahmen die Arbeitskämpfe wieder derartig große Ausmaße an. Signifikant für diese Arbeitskämpfe war dieses Mal jedoch der Umstand, dass die Abhängigbeschäftigten diese selbst organisiert hatten. Hinter ihnen standen also keine Gewerkschaften, die ihnen rechtlichen Halt gewährten und mit Streikgeld ihr Einkommen sicherten.
Ganz im Gegenteil. Der Streik richtete sich in erster Linie gegen die eigenen Gewerkschaften.

Eine logische Entwicklung
So überraschend diese Tatsache auf den ersten Blick zu scheinen mag, um so logischer ist sie, wenn man sich die Entwicklung der Arbeitsbedingungen in der produzierenden Automobilbranche in der Türkei vergegenwärtigt. Die Arbeitsintensivierung ist über die Jahre hinweg derart zugespitzt worden, dass man von einer Versklavung der Arbeiter sprechen kann. Als Beispiel hierfür seien die Umstände in der Produktionsstätte des französischen Automobilherstellers, Renault, genannt. Waren 2005 in einer Produktionseinheit (sog. Produktionsabteilung bei Renault) noch 36 Arbeiter beschäftigt, so sind es heute nur noch 19. Im Verhältnis dazu ist die Produktion aber um ein Drittel gestiegen. In Zahlen ausgedrückt, bedeutet dies: 2005 wurden täglich 41 Autos produziert. Nunmehr sind es knapp 61 Autos, die täglich das Produktionsband verlassen. Und um es im internationalen Vergleich zu handhaben, hat die Türkei unter den OECD Ländern die längsten Arbeitsstunden am Tag. Ein Arbeiter berichtet hierbei, dass ein Mitarbeiter seinen Toilettengang auf das Produktionsband gemacht habe, weil er nicht einmal mehr die Zeit gehabt habe, zur Toilette zu gehen. Den Startschuss der Streiks in der Automobilbranche setzten dann die Metallarbeiter, als der Arbeitgeberverband der Metallindustrie MESS mit den Gewerkschaften Türk Metal und Celik IS einen dreijährigen Tarifvertrag abgeschlossen hatte, welcher nichts in Bezug auf die zunehmende Arbeitsverdichtung regelte und wonach es auch keinen bzw. wenig spürbaren Lohnzuwachs geben sollte. Die Produktionsbänder wurden stillgelegt und die Fabriken von den Arbeitern besetzt. Diese Streiks sind dann von der AKP-Regierung illegalisiert und beendet worden. Die Entschlossenheit der Arbeiter war aber nicht mehr zu brechen. Sie entschlossen sich weiterzumachen Diesmal richteten diese sich aber Primär gegen die eigene Gewerkschaft. „Wir haben kein Problem mit den Arbeitgebern, unser Problem ist mit der Türk Metal“, sagten sie immer wieder. Die Arbeiter empfanden diese Gewerkschaftspolitik für eine Art „Stiefsohn-Treatment“ und bekundeten, dass die Gewerkschaften „die Wachhunde“ der Arbeitgeber seien. Kein Wunder auch: Die Arbeiter berichten, dass sie von den Gewerkschaftsfunktionären ausspioniert worden seien, ihren Kündigungen zugestimmt wurde und dass sie sogar von ihnen angeschrieen und beschimpft worden seien. Immer wieder wurden auch Skandale der Funktionäre aufgedeckt, sodass in der Türkei mittlerweile gängig von sog. „Gangster-Gewerkschaften“ oder von mafiösen Gewerkschaftsstrukturen gesprochen wird. Daher ist auch eine Art Flächenbrand entfacht. Nunmehr gingen die Beschäftigten aus den übrigen Branchen ebenfalls auf die Straße und ihrem Frust gegenüber Ihren Gewerkschaften mächtig Luft. Als Beispiele seien hier die TOFAS- und Arcelik-Beschäftigten genannt.

Wie geht es weiter?
Nach diesen Entwicklungen stehen die Arbeiter mit der unausweichlichen Frage konfrontiert, wie es denn nun weitergehen soll? Entweder werden sie eine neue Gewerkschaft gründen oder die bestehenden Gewerkschaften weiterhin unterstützen oder re-reformieren müssen. Der Rausschmiss der BMS-Funktionäre bei Renault zeigt, dass die Arbeiter nicht gewillt sind, die bisherige Politik der Gewerkschaften zu tolerieren. Sie fordern eine kämpferische und durchschlagskräftige Gewerkschaft, die ausschließlich ihre Interessen und rechte vertritt. Kennzeichnend für die verfehlte Politik der Gewerkschaften ist auch die Tatsache, dass sie nur einen geringen Teil der Branche organisiert haben. Aus dem Kontext heraus so lässt sich sagen, dass die Metallarbeiter ein klares Signal für alle anderen Berufsbranchen gesetzt haben und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass diese Entwicklungen v.a. in den westlichen Staaten auftreten werden. Eins ist auch verdeutlicht worden, dass die Entwicklung zu kämpferischen Gewerkschaften bei der Belegschaft anfängt. Daher ist es begrüßenswert, dass die Arbeiter weiterhin auch nach ihren Streiks an ihren Forderungen gegenüber den Gewerkschaft festhalten.