„Flüchtling“ prägte das vergangene Jahr

Das Wort „Flüchtling“ ist Wort des Jahres 2015, weil dieses Thema vor allem im letzten Viertel des Jahres die Stimmung, politische Diskussionen und den Alltag so sehr bestimmt hat, wie selten ein anderes Wort. Es führte sogar dazu, dass Merkel vom Times Magazin zur Frau des Jahres gekürt wurde.
Diese wenigen vergangenen Monate überschatteten nahezu alle Themen, die bis dahin von Belang waren. Wer erinnert sich noch an Grexit und die Ukraine, die, als im Sommer noch aktuell, aus deutscher Sicht „die entscheidenden Fragen unserer Zeit“ waren, über die kaum noch einer spricht?
„Flüchtling“ rief bei vielen Sympathien und Hilfeinstinkte hervor, womöglich wegen der verniedlichenden Endung „ling“, die dem Wort auch einen abwertenden Hauch gibt. Man bemitleidete die an europäischen Grenzen ertrunkenen Geflüchteten, forderte die EU und die BRD auf, sie zu retten und spendete Hilfsgüter, Geld und ehrenamtlich erbrachte Zeit, um Geflüchtete zu empfangen und ihnen zu helfen. Auf der anderen Seite brachten die Flüchtlinge versteckten Hass und rassistische Ressentiment eines Teil der europäischen Bevölkerung hervor. In vielen europäischen Ländern wurden rechte Organisationen stärker und auch die Stimmung in Deutschland kippte stark nach rechts. Über 840 Angriffe auf Flüchtlingsheime, Körperverletzungen, Mord- und Brandanschläge im Jahre 2015 sind nur der Gipfel des Eisbergs. Der sich verbreitende Rassismus hinterläßt tiefere Wunden und Spuren bei Geflüchteten, aber auch bei bereits seit Jahren hier lebenden und geborenen Menschen mit Migrationshintergrund. Die offene Ablehnung von „Fremden“ ist womöglich nicht mehr nur auf die vier eigenen Wände beschränkt!
Nun wird der nächste ideologische Angriff und populistische Vorstoß laut diskutiert: CSU-Chef Horst Seehofer schlägt vor, den Soli-Beitrag, der zum „Aufbau-Ost“ benutzt wurde, nicht, wie im April von der Union beschlossen, bis 2029 schrittweise abzuschaffen, sondern für Flüchtlinge umzulagern. Dadurch sollen 13 Milliarden im Jahr für Flüchtlinge zur Verfügung stehen. Seehofer hatte damals von der „größten Steuersenkung aller Zeiten“ gesprochen. Dieser Vorstoß ist deswegen verlogen und populistisch, weil Seehofer die Stimmung gegen Geflüchetete wieder in rechte Kanäle lenkt und versucht, die bereits vorhandene Anti-Flüchtlingshaltung der Regierung noch weiter zu verschärfen. So soll, wenn es nach Seehofer geht, eine maximale Obergrenze für Flüchtlinge in Deutschland politisch beschlossen werden. Und das schafft er sicherlich schneller, wenn er die Bevölkerung auch konkret mit finanziellen Einbußen gegen die Geflüchteten aufbringt.