Kampf gegen den Klimawandel oder substanzloses Projekt?

Dogus Ali Birdal

Der Weltklimagipfel in Paris ist vorbei und trotz viel Jubel, ist das Ergebnis für viele, vor allem für Klimaforscher, ernüchternd. Das Hauptziel des Klimagipfels ist die Erderwärmung um zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Stand, also bevor im großen Maßstab Öl und Kohle verbrannt wurde, zu begrenzen.
Ab Mitte der 90er Jahre kamen die meisten Wissenschaftler zur Annahme, dass der Anstieg um zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Stand gerade noch verträglich für die Erde wäre. Diese Zahl müsste mittlerweile wieder korrigiert werden. Die meisten Küstenstaaten und vor allem Inselstaaten werden über kurz oder lang mit großen Überschwemmungen und einem erheblichen Verlust des Lebensraums konfrontiert sein, auch wenn die 2-Grad-Grenze eingehalten würde. Außerdem sind sich viele Forscher mittlerweile sehr sicher, dass für einen wesentlichen Teil der Eismassen in Grönland und der Antarktis zwei Grad Celsius globaler Erwärmung schon viel zu viel sind. Von den kleinen Inselstaaten und von vielen Küstenstaaten wird deswegen seit längerem verlangt, eine niedrigere Grenze für die globale Erwärmung festzusetzen, nämlich 1,5 Grad Celsius. Diese Marke wurde zwar nicht als Obergrenze festgelegt, wurde aber erstmals in einen Klimavertrag mitaufgenommen, als „nach Möglichkeit nicht zu überschreitender Wert“. Für viele Forscher bedeuten die Vorgaben, dass die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas im Fall des Zwei-Grad-Ziels zwischen 2050 und 2070 komplett enden muss, denn Kohlendioxid wird nicht schnell abgebaut und bleibt lange in der Erdatmosphäre. Es dürften zudem keine Kohlekraftwerke mehr gebaut werden, da sie 30 bis 40 Jahre lang CO2 ausstoßen.

Verbindlichkeiten fehlen
Da die vorgelegten Klimaschutzpläne der 195 Länder nicht ausreichen, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, sollen sie ihre Ziele alle fünf Jahre nachbessern. Für viele Forscher und Klimaschützer geht die Verschärfung der Ziele damit viel zu langsam voran, um das Zwei-Grad-Ziel zu erfüllen. Außerdem fehlt bei dem Abkommen die Verbindlichkeit. Das Abkommen ist zwar völkerrechtlich verbindlich, dennoch gibt es keine Strafen bei Nichterfüllung. Die Staaten und die Politiker scheinen sich auf den ersten Blick also dem Ernst der Lage nicht bewusst zu sein.
Ernüchternd sind auch die finanziellen Beschlüsse. In den Jahren 2020 bis 2025 sollen die Industriestaaten jährlich 100 Milliarden Dollar für Entwicklungsländer bereitstellen. Dazu können auch von den Regierungen geförderte private Investitionen zählen. Was erst mal nach viel klingt, ist in Anbetracht der Lage und der zu überwältigenden Probleme immer noch zu schwach. Jedoch soll für die Jahre danach ein neues und höheres Ziel festgelegt werden, was aber nicht mehr als nur ein Plan ist. In vielen Entwicklungsländern macht sich die globale Erwärmung schon stark bemerkbar. In Teilen Afrikas wird zum Beispiel schon jetzt beobachtet, dass die Dürreperioden immer länger werden und die Niederschläge umso heftiger und zerstörerischer, was die Lebensgrundlage vieler Bauern und Hirten zerstört. Dort wäre zum Beispiel der Bau von Dämmen essentiell für die Menschen. Außerdem müssen Solaranlagen, Windräder und andere klimaschonende Technologien zum Einsatz kommen, statt in Kohlekraftwerke zu investieren. Dennoch blieb nach der Klimakonferenz immer noch offen, wer diese Gelder kontrolliert und wie sie verteilt werden. Die Industriestaaten wollen die Kontrolle natürlich selber durchführen. Manche von ihnen, zum Beispiel Deutschland, haben einfach einen Teil der Entwicklungshilfen umdeklariert und lassen sich diese als Klimaschutzhilfen anrechnen.

Schwarzer Peter wird hin- und hergeschoben
Was das Thema Verluste und Verursacherhaftung angeht, sieht es sehr düster aus.
Die Industriestaaten, die meistens am wenigsten von der globalen Erwärmung betroffen sind, diese aber am stärksten vorantreiben und die meisten Entwicklungsländer, welche am stärksten von dem Klimawandel betroffen sind, zum Beispiel Indien und Brasilien, aber am wenigsten unter den Einschränkungen leiden möchten, schieben sich gegenseitig den schwarzen Peter hin und her.
So scheint der Klimagipfel nichts anderes als eine Parade des gegenseitigen Schulterklopfens für die beteiligten Staaten gewesen zu sein. Denn zu lange wird die Natur bereits für die Profitgier einzelner Staaten und Konzerne ausgebeutet. Ganze Urwälder werden abgeholzt oder gerodet (also „ausgerottet“), um Platz für Ackerland zu schaffen, auf dem anschließend Rohstoffe für Produkte wie Kosmetika, Cremes, Hamburger, Biosprit oder Schokolade, angebaut werden. Europa gehört zu den Hauptimporteuren von solchen Produkten. Solche zunächst klein wirkenden Dinge nehmen jedoch große Ausmaße an.

Klimaflüchtlinge werden zunehmen
So ist die Klimaflucht schon längst keine dystopische Zukunftsvision mehr, sondern längst Realität. Menschen, die durch Dürren nicht länger in der Lage sind, sich zu ernähren oder deren Heimat bereits von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht wird und somit nicht mehr lebensfähig ist, befinden sich bereits auf der Flucht. Wie viele Menschen momentan vor dem Klimawandel fliehen, ist schwer einzuschätzen. Doch sagte Walter Kälin, ehemaliger Repräsentant des UNO-Generalsekretärs für die Menschenrechte intern Vertriebener, in einem Interview mit dem Tagesspiegel: „Wir schätzen, dass im Schnitt 27,5 Millionen Menschen pro Jahr vor Naturkatastrophen fliehen, davon zwischen 80 und 90 Prozent klimabedingt“. Diese Zahl wird, da sind sich viele Experten einig, in den nächsten Jahren drastisch zunehmen. Als Grundwert gilt, laut der „Internationalen Organisation für Migration (IOC)“ die Zahl von 200 Mio. Menschen, die 2050 auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels sein werden. Manche sprechen sogar von Geflüchteten in Milliardenhöhe. Deshalb ist die Ausbeutung der Natur durch die Industriestaaten durchaus auch eine Fluchtursache, die vielen Millionen Menschen den Lebensraum nehmen wird und die es zu bekämpfen gilt.