Der Bachelor und seine Realität

Suphi Sert

Mit dem Bachelor kommt man nicht in den höheren Dienst, so das Innenministerium. Die Leidtragenden sind klar auf der Hand: Die Studierenden.
Es gab in der Vergangenheit große Bildungsstreiks im ganzen Land und viele Bildungsproteste gegen Studiengebühren und das verschulte Bachelor-Studium, welches gerade einmal vor sechs Jahren mit der Bologna-Studienreform kam. Viel ist seither nicht geblieben, Slogans wie „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“ hören wir nur noch sehr selten. Falls mal ein kleines Grüppchen protestiert, denn der große Frust scheint verblasst. Aber es scheint nur so und wie wir wissen, kann der Schein manchmal trügen. Es gibt keine heile Bachelor-Welt und die Absolventen haben mit vielen Hindernissen vor und während des Berufslebens zu kämpfen. Dies sehen wir vor allem momentan beim Streit um die Bachelor-Absolventen, die nicht in den Staatsdienst dürfen.
Obwohl der Koalitionsvertrag es vorsieht, dass Bachelor-Absolventen mit Berufserfahrung in den Höheren Dienst aufgenommen werden können, wehrt sich das Bundesinnenministerium massiv dagegen. Also ist nicht so, wie seinerzeit mit den Bologna-Studienreformen auf staatlicher Seite versprochen wurde. Wenn wir einen Blick auf die Wirtschaft werfen und uns hier die Anerkennung des Bachelors anschauen, werden wir feststellen: Die Bachelor-Absolventen erhalten zwar Jobs, aber meistens mit Einschränkungen. Sie können kaum Karriere machen oder werden nur in bestimmten Bereichen eingesetzt. Bachelor-Ingenieure zum Beispiel landen nicht im Entwicklungsbereich in einem Betrieb, sondern eher in Vertrieb und Produktion. Oder Betriebswirte mit dem Bachelor managen höchstens Projekte, werden aber kaum den Sprung in die Geschäftsleitung schaffen.
Die Realität sieht so aus, dass sogar ein Dorfmuseum sich Historiker mit einem Master oder sogar Doktortitel wünschen und keinen mit Bachelor einstellen würden. Keiner von uns, kein Patient würde sich von einem Bachelor-Arzt operieren lassen wollen. Genauso wenig würde ein Angeklagter mit einem Bachelor-Anwalt vor Gericht gehen wollen. Naja, dies sind wahrscheinlich auch die Gründe, warum die Fachbereiche der Medizin und Jura kaum auf Bachelor und Master umstellen. Wenn wir ehrlich sind, können wir den Innenminister wirklich verstehen, aber er darf es sich als Staatsvertreter nicht so einfach machen. Nicht wir, nicht die Studierenden oder Schüler wollten den Bolognaprozess oder die Bachelor-Reformen, sondern der Staat. Und genau dieser Staat muss nun seiner Verantwortung der „verschaukelten Absolventen Generation“ gerecht werden. Wobei uns allen klar sein sollte, dies wird nie passieren, außer man erkämpft sich sein Recht, ähnlich wie bei den Bildungsstreiks und den Studiengebühren. Sonst können wir lange warten.

Laut Staat sind Bachelor-Absolventen unbrauchbar
Das Bachelor-Studium ist nicht zu vergleichen mit dem früheren Studiensystem. Die Inhalte wurden stark reduziert und das Studium zeitlich verkürzt, keine Zeit mehr um zu lernen, forschen oder reifen.
Vor rund 15 Jahren haben die Bildungsminister aus Europa das Bologna-System gemeinsam besiegelt. Es sah den Bachelorabschluss als Regelabschluss vor, tatsächlich aber machen die meisten Studierenden noch ihren Master, damit sie auf den früheren Stand eines Magisters oder Diplomes kommen. Diejenigen, die nur einen Bachelor nach sechs Semestern machen, sind diejenigen welche nicht mehr an der Uni bleiben wollen oder diejenigen, welche so schon einen passenden Job finden.
Der Staat und die Behörden nehmen weiterhin für jede Stelle den besten Bewerber, somit selten Bachelor Absolventen. Aber warum sollte das nicht ein Bachelor mit Berufserfahrung sein? Wenn man sich schon auf dem freien Markt bewährt hat. Eins sollte also klar sein, die Wirtschaft wollte diese Reformen, die Politik hat sie geliefert und will sie jetzt selbst nicht anerkennen. Warum sollen die jungen Menschen dafür leiden?