Arme und Migranten gesellen sich gern

Pinar Aki
Für die meisten Eltern ist es eine Selbstverständlichkeit, ihre Kinder in der nahegelegenen Grundschule einzuschulen. Sicherlich nicht nur wegen der Entfernung, wobei das ein entscheidender Faktor ist. Schließlich sollen die Kinder spätestens ab der zweiten Klasse den Weg zur Schule hin und zurück alleine gehen können, um somit ein Stück weit selbstständig zu werden. Da ist es für die Eltern eine große Erleichterung, wenn die Schule fußläufig zu erreichen ist. Auch aus dem Aspekt der Freundschaften ist es wichtig, dass ein Kind die Schule seines Wohnorts besucht. Der außerschulische Kontakt zu Gleichaltrigen ist sehr wichtig für die Sozialisation eines Kindes. Dieser würde zu kurz kommen, wenn das Kind keine Schulfreunde in der Nachbarschaft oder im eigenen Bezirk hätte. Allerdings gefällt nicht immer allen Eltern die nächstgelegene Grundschule.
In Nordrhein-Westfalen schaffte die CDU/FDP-Regierung deshalb zum Schuljahr 2008/09 die Schulbezirke ab und ermöglichte die freie Schulwahl. Kritiker befürchteten damals Getto-Bildungen und die Entstehung von Elitegrundschulen. Zwei Jahre später hieß es, die Sorge sei nicht berechtigt gewesen, da die meisten Kinder in NRW nach wie vor eine wohnortnahe Grundschule besuchten, berichteten Vertreter der kommunalen Spitzenverbände im November 2010 im Landtag. Ein Ansturm auf bestimmte Schulen hatte es demnach nicht gegeben.

Acht Jahre nach der Gesetzesänderung stellt die Bertelsmann Stiftung jedoch fest, dass die Wahlfreiheit gleichwohl Auswirkungen hat. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, so heißt die veröffentlichte Untersuchung. Untersucht wurde das Schulwahlverhalten von Eltern in Mülheim an der Ruhr über einen Zeitraum von vier Jahren: 2008 bis 2011. Knapp 4000 Kinder wurden in diesen Jahren eingeschult. Zu Zeiten der verbindlichen Bezirke in Mülheim besuchten laut der Studie etwa 10% der Kinder unter anderem per Ausnahmegenehmigung eine andere als die zuständige Grundschule. Der Anteil pendelte sich 2011/12 bei 25% ein. Auch in den folgenden Jahren sei es bei diesem Wert geblieben, mit leicht steigender Tendenz, sagte eine Sprecherin der Stiftung. „Die Wahlentscheidung der Eltern ist abhängig vom Sozialstatus der Schule und vom sozialen Hintergrund der Eltern“, stellt die Stiftung fest. Wenn die zuständige Gemeinschaftsgrundschule viele sozial benachteiligte Kinder habe, wählten Eltern häufiger eine andere Schule.
Autor der Studie, Thomas Groos, zieht den Schluss, dass Eltern mit niedrigem Bildungsstatus und Eltern mit Migrationshintergrund häufiger die nahegelegene Grundschule wählen. „Diese Familien sind in der Regel weniger mobil und bleiben meist in ihrem Wohnbezirk.“ Vor allem Eltern mit mittlerem Sozialstatus nähmen die freie Schulwahl in Anspruch. Eltern mit hohem Sozialstatus machten davon seltener Gebrauch, da sie meist in sozial homogenen Einzugsbereichen wohnten. Mit anderen Worten: Sozial benachteiligte Kinder bleiben durch die freie Wahl noch stärker unter sich. Andere Städte haben nach eigenen Angaben keine so starken Veränderung wie in Mülheim registriert. „In den ersten Jahren nach Umsetzung der neuen Regelungen konnte festgestellt werden, dass nur wenige Eltern von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, ihr Kind außerhalb der früheren Schulbezirksgrenzen anzumelden“, sagte die Leiterin des Schulverwaltungsamtes in Düsseldorf, Dagmar Wandt. Auch ihre Essener Kollegin Regine Möllenbeck berichtete, es habe sich im Großen und Ganzen nicht viel verändert. Eine Zunahme von 15 Prozent innerhalb von acht Jahren ist tatsächlich nicht viel, allerdings könnte diese Zahl in den Nächsten acht Jahren wieder steigen, was dann Grund zur Sorge wäre. Um dies zu verhindern, sollte man es erst gar nicht soweit kommen lassen, stattdessen schon jetzt Maßnahmen ergreifen.
Groos schlägt vor, die soziale Struktur der Schulen über einen sogenannten Sozialindex transparent zu machen. Dann könnten benachteiligte Schulen in sozialen Brennpunkten besser ausgestattet werden etwa mit mehr Lehrern, einem verbindlichen Ausbau der Ganztagsbetreuung und mehr Unterstützung bei Inklusion von behinderten Kindern und Integration von Migrantenkindern. Damit könnten diese Schulen so gut werden, „dass ihre Qualität auch bildungsaffine Eltern überzeugt“.