Das Blue-Eyed-Experiment: „Der Rassist in uns!“

Der Versuch „Der Rassist in uns“ ist heute mit der Flüchtlingspolitik wieder aktueller denn je. Ursprünglich wurde dieses Experiment in den Sechzigern von der Grundschullehrerin Jane Elliott in den USA entwickelt. Das Ziel der Lehrerin war es, nach dem Tod von Martin Luther King, den Schülern zu zeigen, wie es ist, einer Menschengruppe anzugehören, die diskriminiert und als minderwertig betrachtet wird. Dafür suchte sie sich ein Körpermerkmal aus und zwar die blauen Augen und demonstrierte, wie man aufgrund dieses Körpermerkmals diskriminiert werden kann. Später wurde dieser Versuch auch in den Niederlanden durchgeführt und als Dokumentation unter dem Namen „Het Grote Racisme Experiment“ veröffentlicht. Jahre später versuchte Jürgen Schlicher, ein Trainer, das Experiment auch in Deutschland durchzuführen. Das Ergebnis: Es funktioniert immer wieder. Es geht darum, dass der Zuschauer am Ende des Versuchs versteht, wie Vorurteile in den Köpfen entstehen.

In einem Raum sind Schilder verteilt, auf denen die Wörter „Migrant“, „Ausländer“ oder auch „Flüchtlinge“ durch das Wort „Blauäugige“ ersetzt werden. Ein Moderator, der wie ein Diktator die Menschen fertig macht und zurechtweist, trennt die Gruppe in Braunäugige und Blauäugige. Die Gruppe der braunäugigen Teilnehmer ist im Gegensatz zu den blauäugigen die Privilegierte und bekommt Vorteile. Die ganze Zeit wird die Gruppe der Blauäugigen persönlich und psychisch fertig gemacht. Pseudowissenschaftlich erklärt der Moderator, dass die Blauäugigen weniger intelligent seien und es im Leben zu nichts bringen würden, weil ihnen durch die fehlenden Pigmente in den Augen die Sonne direkt ins Hirn scheine und dort Gehirnzellen verbrennen würde. Schwer zu glauben, aber manche Teilnehmer halten diese Behauptung wirklich für logisch. Am Ende des Versuchs wird ein Wissenstest durchgeführt und tatsächlich schneidet die Gruppe der blauäugigen Gruppe wesentlich schlechter ab und macht Fehler, die ihnen sonst nicht passieren würden. Dieser Versuch wird immer wieder in verschiedenen Institutionen durchgeführt und das Ergebnis ist immer das Selbe.

Zurück zu der aktuellen Situation: In wie fern hat eine Menschengruppe eine Chance, sich am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen oder im Beruf oder in der Schule erfolgreich zu sein, wenn ihr unterstellt wird, dass ihre Grenzen klar definiert sind? Die Gesellschaft, in der wir leben, die Politik, die uns in vielen Lebensbereichen beeinflusst und die Medien, die zu unserem Alltag gehören, formen uns. Solange wir tagtäglich mit einem abfälligen Ton konfrontiert sind, der uns zurecht weist und uns hindert, weiter zu kommen, kann von keiner Menschengruppe etwas gefordert werden, was dann unmöglich scheint. Und erst recht, wenn es sich bei diesen Menschen um Menschen handelt, die von Angst, Trauma und Perspektivlosigkeit begleitet werden.

 

Cigdem Ronaesin