„Wir werden ausgebeutet“

 

In Zeiten des aufblähenden Niedriglohnsektors haben es die niedrigqualifizierten abhängig Beschäftigten besonders schwer. Wenn Menschen nicht mehr von ihrer Arbeit leben können, spricht man von prekären Verhältnissen. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Beschäftigten in der Gebäudereinigungsbranche zu den sogenannten „Niedriglöhnern“  gehören. Noch konkreter gesagt, könnte man behaupten, dass diese zu dem unteren Drittel dieser Einkommensgruppe gehören.

 

MIGRANT UND HILFSLOS

Die Gruppe von Arbeiterinnen, die sich an die Zeitung „Yeni Hayat – Neues Leben“ gewandt haben, sind leibhaftige Beispiele für die Tatsache „Arm trotz Arbeit“. Tiefe Augenringe zeichnen ihre Gesichter. Ihre Hände sind wegen dem ständigen Eintauchen von Lappen und Wischmob in Spül- und andere Reinigungsmittel ganz blass und ihre Handoberfläche verschrumpelt. Nervös sitzen sie da, die Hände reibend und die Münder sind nach unten gewinkelt.

Die Arbeiterinnern stammen aus Bulgarien und arbeiten als Reinigungskräfte im St. Anna Krankenhaus. Unter anderem reinigen sie die OP-Räume. Sie gehören aber nicht zur Stammbelegschaft des Krankenhauses, sondern zu einer externen Reinigungsfirma, die die Reinigung des Krankenhauses in Auftrag genommen hat. Hierbei handelt es sich um die Firma MCS Mata Service GmbH mit dem Hauptsitz in Berlin. Typisch, wie für viele Reinigungsfirmen auch, ist, dass die Firma nicht tarifgebunden ist und daher mit Ausnahme des Mindestlohnes im Gebäudereinigerhandwerk (9,80 €) an keinerlei Lohntarife oder -verhandlungen gebunden ist. Auf Grund der Tatsache, dass die OP-Räume einer besonderer Reinigung bedürfen, sieht der Lohntarifvertrag für das Gebäudereinigerhandwerk für die OP-Reinigung einen aktuellen Stundenlohn von 10,43 € vor. Da das Unternehmen aber nicht tarifgebunden ist, zahlt es den Arbeiterinnen nur den Mindestlohn.

Als wir das Gespräch beginnen, lassen die Frauen ihren Emotionen freien Lauf. „Wir werden ausgebeutet“, sagt die eine. Eine andere fügt mit einer etwas weinenden Stimme hinzu: „Nur weil wir unsere Rechte nicht kennen und Migranten sind, sind wir doch nicht nichts wert“. Es wird schnell deutlich, dass die Frauen die Niedriglohn-Politik in voller Härte zu spüren bekommen haben. Insbesondere in der Reinigungsbranche geht es nicht nur darum, dass  die meisten abhängig Beschäftigten von dem aktuellen Mindestlohn nicht nur nicht leben können, sondern der überwiegende Teil auch nur einen Teilzeit- und befristeten Vertrag bekommt, so dass die Arbeiterinnen oftmals gezwungen sind, noch weitere Niedriglohnjobs anzunehmen. Das ist aber nicht das einzige Problem. Oftmals müssen die Beschäftigten hinter ihrem Geld hinterherlaufen, weil die gearbeiteten Stunden nicht richtig aufgezeichnet oder von den Vorgesetzten unterschlagen werden.

 

ZUR ABTREIBUNG GEZWUNGEN

Nunmehr ergriff die jüngste Arbeiterin das Wort. Mit nervöser Stimme sagte sie, dass sie sich schäme, das zu erzählen, was ihr widerfahren sei, aber schließlich sei ihr ja nichts anderes übrig geblieben. Sie berichtet darüber, dass sie vor kurzem schwanger gewesen sei. Als ihre Vorarbeiterin von der Schwangerschaft erfahren hätte, habe diese sie dazu genötigt, das Kind abzutreiben. Immer wieder habe sie ihr gedroht, dass man ihr kündigen werde, wenn sie sich für das Kind entscheiden sollte und nicht abtreiben würde. Aus der Angst heraus, dass sie ihre Arbeitsstelle verlieren würde, habe sie sich entschieden, das Kind abzutreiben.

 

WENN DAS GELD NICHT STIMMT, KNALLT´S!

Als ob das nicht genug wäre, so berichtet die junge Frau, dass die ganzen Probleme auf der Arbeit dazu geführt hätten, dass ihr Ehemann gegenüber ihr gewalttätig geworden sei.

Im Arbeitsvertrag sei nur eine halbe Stunde vereinbart worden, sie habe aber wöchentlich mindestens 40 Stunden gearbeitet. Die Abrechnungen seien zwar weitestgehend richtig erfolgt. Die besagte Vorarbeiterin hätte allerdings die junge Frau immer zur Bank begleitet und ihr alles mit Ausnahme der 400-450 Euro abgenommen, weil es angeblich das Geld von einer anderen Reinigungskraft sei. Diese missliche Situation habe oftmals dazu geführt, dass sie von ihrem Ehemann häusliche Gewalt erfahren habe. Er habe es nicht verstehen können, dass sie trotz vieler Arbeit immer nur 400-450 Euro habe. Die Frau zeigte ihre Unterarme, die noch etwas geschwollen waren. „Gott sei Dank! Die Flecken sind weitestgehend verheilt“, sagte sie.

 

TROTZ ARBEIT, KEINE VERGÜTUNG

„Wir werden ständig zur Mehrarbeit von ihr gezwungen… Manchmal kommen wir erst spät in der Nacht nach Hause“, berichtet eine andere. Wir werden von ihr angewiesen, dass wenn wir 8 Stunden arbeiten, auf unsere Stundenzettel aber nur 4,5 Stunden zu schreiben. Und wenn wir vier Stunden arbeiten, sollen wir 1,5 Stunden schreiben. Die restlichen Stunden, die wir nicht aufschreiben sollen, so vermuten wir, werden auf unbekannte Namen gutgeschrieben, um letzten Endes das Geld wieder für sich selbst auszuzahlen. Als Beispiel hierfür sei nur der Name Seher Ünal zu nennen. „ Obwohl diese Frau nicht in unserer Abteilung ist, ist ständig eine Abrechnung mit ihrem Namen in unserem Abteil“, fügt eine andere hinzu. Sie habe bisher 160 Stunden nicht bezahlte Stunden angesammelt. Diesen Umstand beklagten alle Frauen. Keine von ihnen würde je ihre gesamt gearbeiteten Stunden bezahlt bekommen. Alle Frauen beklagen weiterhin, dass sie zu wenig Zeit zum Reinigen bekommen. „Wir müssen uns derart abhetzen, dass die Räume oftmals nicht sauber sind. Die Arbeit ist bei der vorgesehenen Zeit einfach nicht machbar.“, kommentiert die jüngste Arbeiterin.

 

MODERNE SKLAVEREI

Die Frauen sind keinesfalls Einzelfälle. Oftmals müssen Reinigerinnen und Reiniger ihrem Geld hinterher laufen. Dabei geht es oft um die Mehrarbeit, die sie machen müssen. Ganz typisch für diese Branche ist, dass die Beschäftigten einen Arbeitsvertrag mit einer täglichen Arbeitszeit von max. 3-4 Std. bekommen, aber dennoch 5-8 Stunden täglich arbeiten. Krankheitstage werden oft bei Minijobbern nicht gezahlt. Ein anderes großes Problem der Beschäftigten, ist die sogenannte Arbeitsverdichtung. Die Arbeitgeber versuchen die stetigen Lohnzuwächse dadurch zu kompensieren, dass die Beschäftigten entweder bei gleichbleibender Arbeitszeit mehr reinigen müssen oder die Arbeitszeit drastisch bei gleichbleibender Arbeit reduziert wird. Dies führt zu Erkrankungen und Behinderungen wie Arthrose und Gelenkproblemen. Die Arbeitsverdichtung und der oftmals nicht korrekt gezahlte Lohn führen bei vielen zu Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Das Gesamtbild der Gebäudereinigerbranche gleicht einer modernen Sklaverei.

Stefan Bieger