8. März – Weltfrauentag

Alev Bahadir

Der 8. März, der internationale Weltfrauentag, steht vor der Tür. Sind im „fortschrittlichen“ Europa Mann und Frau wirklich gleichberechtigt, wie man immer wieder suggerieren möchte und gibt es wirklich keinen Grund zur Aufregung? Die Realität sieht nämlich ganz anders aus. In vielen Bereichen des Lebens sind Frauen nach wie vor noch weit von der hochpropagierten Gleichberechtigung entfernt. So zum Beispiel im Arbeitsleben.

Zwar gehen immer mehr Frauen einer bezahlten Arbeit nach, doch häufig zu prekären Bedingungen: in unfreiwilliger Teilzeit, zu niedrigen Löhnen, befristet oder in Minijobs. Frauen sind zwar vergleichsweise mehr beschäftigt als früher, sie arbeiten jedoch zu weniger Arbeitsstunden und zu geringerem Lohn als Männer. Frauen üben Call-Center Tätigkeiten aus, sie sind in der Reinigung beschäftigt, sie sind im Sozialen tätig, sind Erzieherinnen oder vielleicht auch Laborantinnen. Noch immer bekommen Frauen für die gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn wie Männer. Im Schnitt verdienen sie sogar 21,6 % weniger.

Frauen arbeiten zwar mehr, aber weniger an Arbeitsstunden als Männer. Ein Großteil von ihnen jedoch in prekärer Beschäftigung. Zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten im Niedriglohnbereich sind weiblich. 75 Prozent der Teilzeitbeschäftigten sind Frauen. Der Zugang von Frauen zu bezahlter Arbeit findet zu oft in Teilzeitarbeit statt; Arbeit mit kurzer Zeit und somit auch mit geringeren Löhnen und Gehältern. Aktuell arbeiten rund 7,5 Millionen Menschen für einen geringfügigen Lohn – also in Minijobs. Untersuchungen ergaben, dass jeder zehnte Minijobber einen ausländischen Pass hat.

Frauen sind größtenteils Minijobber oder Teilzeitkräfte. Die Lohnungleichheit besteht trotz erhöhter Erwerbstätigkeit von Frauen weiter. Der Bedarf an flexiblen und billigen Arbeitskräften deckt sich mit einer Politik, die die unbezahlte Sorgearbeit (Familie, Kind, Pflege, Erziehung etc.) an die Frauen abwälzt. Häusliche und familiäre Verpflichtungen lasten weiterhin auf den Schultern der Frauen – unabhängig ihrer beruflichen Qualifikationen und Bildungsniveaus. Denn, neben der bezahlten Arbeit, wird von der Frau auch erwartet, dass die kocht, putzt, die Kinder erzieht, bei den Hausaufgaben hilft und sich um ihren Ehemann kümmert. Das ist kein 4- oder 8-Stundenjob, sondern einer für 24 Stunden.

Sexualisierte Gewalt- kein neues „Phänomen“

Gewalt gegen Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung. Egal wo und aus welchen Motiven sie passiert. Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und in anderen Städten entlarven die dunklen Seiten in der Lebenswirklichkeit von vielen Frauen. Gewalt gegen Frauen bzw. im konkreten Fall die sexualisierte Gewalt ist seit Jahren ein immer da gewesenes Problem. Sie hat keine Herkunft, keine bestimmte Religion und darf keiner bestimmten Bevölkerungsgruppe zugeschrieben werden. Von Politik, Medien und Rechten wird so getan, als hätte es das Problem der sexuellen Gewalt vor der Ankunft der Geflüchteten nie gegeben. So werden „Frauenrechte“ ganz verlogen plötzlich zum Vorwand für Rassismus und Rechtspopulisten und Nazis auf einmal zu „Bewahrern“ der Würde der Frau. Dass sexualisierte Gewalt nicht urplötzlich vom Himmel gefallen ist, sollte eigentlich klar sein, ist es wohl für viele jedoch nicht. Einer im März 2014 veröffentlichten Studie zufolge ist in den Staaten der Europäischen Union jede dritte Frau schon einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. 62 Millionen Frauen in der EU seien betroffen. Deutschland liegt mit 35 Prozent etwas über dem EU-Schnitt (33%). Die Autoren der Studie schätzen, dass mindestens 83 Millionen Frauen in der EU seit ihrem 15. Geburtstag schon einmal sexuell belästigt worden sind.

Statt über die tatsächlichen Ursachen von frauenspezifischer Gewalt zu sprechen, die in patriarchalischen Denk- und Machtvorstellungen ruhen, versuchen nun rechte und rassistische Kreise wie Pro NRW, AfD oder PEGIDA die Stimmung aufzuheizen und für ihr menschenverachtendes Weltbild zu instrumentalisieren. Dazu reihen sich die Gesetzesinitiativen zur Verschärfung des Asylrechts ein.

Auch international leiden Frauen

Im Nahen Osten herrscht Krieg. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Noch immer sind vor allem Frauen die Leidtragenden der Kriege. Oft sind sie in Kriegsgebieten systematischer Vergewaltigung und Angst um ihr Leben ausgesetzt. Meist fliehen Frauen mit ihren Kindern in Geflüchtetenlager innerhalb ihres Landes oder in ein Nachbarland. Viele von ihnen haben nicht die Kraft und Möglichkeit, nach Europa zu fliehen. Schaffen sie es doch, stoßen sie oft auf die Grenzen der Festung Europa oder sind in den Lagern weiterer Gewalt und Übergriffen ausgesetzt. In vielen Ländern haben Frauen noch nicht einmal die elementarsten Grundrechte, wie das Recht auf Bildung. Zumeist müssen sie unter den unmenschlichsten Bedingungen arbeiten, um sich und ihre Familien zu versorgen. Unvergessen sind die Textilarbeiterinnen in Ländern, wie in Bangladesch, die in unsicheren Fabriken, wie Sklavinnen, für einen Hungerlohn arbeiten und dabei zu oft durch Erdbeben oder Brände sterben müssen, weil sie von ihren Chefs in den Fabriken eingeschlossen werden. Gleichzeitig denken wir aber auch an die mutigen Frauen, die in Rojava, gemeinsam mit Männern, Widerstand gegen den IS (Islamischer Staat) leisten. Die uns zeigen, wie wichtig es ist, dass Frauen und Männer gemeinsam kämpfen können und müssen. Umso wichtiger ist es, dass Frauen und Männer in Deutschland und weltweit gemeinsam für die Befreiung der Frau in dieser patriarchalischen Gesellschaft kämpfen. Dass gemeinsam eingestanden wird für eine faire Bezahlung der Frau und gegen sexualisierte Gewalt. Dass aber auch nicht zugelassen wird, dass Rassisten und Herrschende den Körper der Frau zum einen zur Ware erklären und dann wiederum die Würde der Frau als Vorwand für ihre spalterische Politik nutzen. So braucht es einen starken Weltfrauentag, um ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit, Gewalt und Rassismus zu setzen.