Der Kuaför aus der Keupstraße

Die Serienmorde, die von der rassistisch-terroristischen Organisation NSU in den Jahren 2000 bis 2007 begannen wurden und der Nagelbombenanschlag in der Keupstrasse in Köln, sind bisher in sehr vielen Büchern thematisiert worden. Auch wurde das Thema von einigen Dokumentarfilmern oder Theaterregisseuren aufgegriffen. In seinem aktuellen Dokumentarfilm “Kuaför aus der Keupstr.” beschreibt Regisseur Andreas Maus den strukturellen Rassismus, mit denen die Friseurladeninhaber Özcan Yildirim und sein Bruder Hasan Yildirim konfrontiert wurden. Hierbei wird aufgrund von Protokollen beschrieben, wie die Polizei, unmittelbar nach dem Nagelbombenanschlag, Druck auf die beiden Inhaber auszuüben versuchte.

Den Uninformierten die Augen öffnen

Erfolgreich stellt der Regisseur Andreas Maus die Entwicklungen nach der Detonation, die Ermittlungsarbeiten der Behörden und das, was vor allem die Brüder Yildirim, aber auch viele weitere Ladenbesitzer der Keupstrasse, durchleben mussten, in seinem Dokumentarfilm dar. Bei dem Anschlag wurden 22 Menschen verletzt. Für diejenigen, die sich mit den NSU Morden und dem NSU-Prozess bereits näher beschäftigt haben, ist in dem Film nicht viel Neues zu erfahren. Aber dennoch ist der Film anschaulich und informativ angelegt und bringt Zusammenhänge und das individuell Erlebte, wovon bisher wenig an die Öffentlichkeit gedrungen ist, dem Zuschauer deutlich vor die Augen.

Während der Premiere betonte Andreas Maus, dass es das Ziel der Dokumentation sei, den uninformierten Menschen die Augen zu öffnen. Wenn man den Film genau an diesem Anspruch des Regisseurs messen möchte, so kann man ruhigen Gewissens betonen, dass das Ziel erreicht wurde.

Der Film möchte auf zwei Dinge aufmerksam machen: Erstens: Die Opfer des Anschlages wurden vom ersten Tag an als Verdächtige behandelt – vom einfachen Polizeibeamten bis hin zum damaligen Innenminister Otto Schily beschuldigten alle Verantwortlichen das “Milieu”. Die Konsequenz: Vor dem rechten blinden Auge der Ermittler konnten die wahren Täter sieben Jahre lang weiter morden. Die Opfer wurden in die Enge gedrängt und als potentielle Schuldige behandelt. Und obwohl die Opfer in den Polizeiaussagen darauf aufmerksam machten, dass “vielleicht ausländerfeindliche Motive” dahinter stecken könnten.

Der zweite wichtige Punkt in dem Film ist, dass gezeigt wird, welche Folgen diese Behandlung auf der persönlichen Ebene auf die “Beschuldigten” und auf die Familien der Todesopfer hatte. Die “Hauptdarsteller” der Dokumentation sprachen zum ersten Mal ohne Einschränkungen und ohne Ängste. Direkt nach dem Anschlag und lange danach haben die Brüder Özcan und Hasan Yildirim es vorgezogen, nicht über den Anschlag zu sprechen oder nur das Nötigste zu sagen. Die Dokumentation ist in gewisser Hinsicht eine emotionale Entladung der beiden Brüder. Özcan Yildirim sagt: “In der Doku ist nur 50% von dem geschildert, was wir tatsächlich erlebt haben.” Er ergänzt gleich hinterher: “Wir haben in dieser Doku mitgemacht, weil wir uns um die Zukunft unserer Kinder sorgen. Es soll alles bekannt werden, sowas darf nie wieder passieren. Jedes Mal, wenn ich die Dokumentation sehe, leide ich erneut.”

Tatsächlich ist es nicht einfach, was die Männer durchlebt haben. Bis es bewiesen war, dass die NSU die Bombe gelegt hatte, waren sieben Jahre vergangen. In dieser langen Zeit hatten sie keinen gesunden Schlaf, der Familienfrieden war zerstört, sie dachten an Selbstmord, dachten daran, den Laden zu verkaufen.

Für all dies sind selbstverständlich die Polizeibeamten verantwortlich, die die Ermittlungen leiteten und die Männer wie Täter behandelten. Die Brüder und deren Ehefrauen wurden sieben Stunden lang über Kreuz verhört. Als ob dies nicht ausreicht, wurden sie von Beamten rund um die Uhr beschattet.

Ein kleines Detail in dem Film, was auf Verhörprotokollen beruht, ist, dass ein Polizeibeamter Özcan Yildirim anbietet, dass wenn er den Namen des Schutzgelderpressers nennt, er den Betrag des Schutzgeldes von der Steuer absetzen könne. Dieses absurde Angebot wird vom Publikum mit einem Lacher beantwortet.

Konfrontation mit institutionellem Rassismus

Der Film stellt den strukturell und institutionellen Rassismus der Sicherheitsbehörden und Beamten gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund ganz deutlich dar. Die erste Frage des ermittelnden Polizeibeamten an Özcan Yildirim direkt nach der Detonation lautet: “Haben Sie eine Versicherung?” Der Hintergedanke ist klar: Möglicherweise ein versuchter Versicherungsbetrug? Diese Herangehensweise der Behörden war nicht nur nach dem Bombenanschlag in der Keupstrasse zu beobachten, sondern nach jedem Mord, den die NSU verübte, wurde innerhalb der Familie und Beziehungen der Opfer nach den Tätern gesucht, Dadurch wurden die Opfer zu potentiellen Tätern gemacht und Druck gegen sie aufgebaut. Das ist selbstverständlich kein Zufall. Das ist weit mehr als institutioneller Rassismus. Der einzige Manko der Dokumentation: Ein Zusammenhang zu den anderen NSU-Fällen und die polizeilichen Ermitttlungen wird nicht hergestellt, obwohl die Keupstrasse nur ein Teil des Gesamtpuzzles ist.

Entschuldigung?

Stellt sich doch die Frage nach der Reaktion nachdem klar war: Es war doch die NSU. Der damalige Kölner Polizeileiter Klaus Steffenhagen sagt in der Dokumentation, dass die Ermittlungen damals alle vorschriftsgemäß von erfahrenen Beamten geleitet wurden. Damit stellt er indirekt klar, dass es nichts gibt, wofür man sich zu entschuldigen habe. Auch ein Kölner verantwortlicher Beamter des BKA sah in der damaligen Ermittlungsarbeit keine Schwächen. Er sagte in der NSU-Untersuchungskommission des Bundestages auf die Frage: “Würden sie in einem ähnlichen Fall, die Ermittlungen ähnlich führen?”, dass es “solch einen Fall nicht noch einmal geben wird.” Woher er das wohl weiß? Bis heute hat sich von den mehr als 100 Sicherheitsbeamten keiner dazu geäußert, welche Fehler bei den Ermittlungen zum Nagelbombenanschlag gemacht wurden. Auf die Nachfragen in diese Richtung kamen nur sehr vage allgemeine Antworten. Kein einziger Beamten sah es für nötig an, während der Anhörungen sich bei den Opfern und Familienangehörigen zu entschuldigen. Eine Entschuldigung seitens der Sicherheitsbehörden wäre allerdings mehr als nötig gewesen. Wenn sich die Kanzlerin Angela Merkel, die nicht unmittelbar für das Fehlverhalten der Beamten verantwortlich ist, entschuldigt, hat dies eine politische Bedeutung. Für das Problem des institutionellen Rassismus hat dies jedoch keine Relevanz. Auch, dass die Opfer und die “Hauptdarsteller” dieser Dokumentation während der gerichtlichen Verhandlungen nicht als Zeugen verhört wurden, zeigt die Brisanz des institutionellen Rassismus.

Yücel Özdemir

Übersetzung: Serpil Karadoğa