Erneuter Anschlag in Ankara

Dies ist schon der dritte Anschlag innerhalb von 5 Monaten in der Hauptstadt der Türkei, welche das gesamte Land in tiefe Trauer und Wut versetzt. Nach dem Attentat am 10. Oktober auf eine Friedensdemonstration, bei der 107 Menschen ums Leben kamen und dem Bombenanschlag auf einen Konvoi von Militärfahrzeugen, bei der 28 Menschen starben, explodierte am Sonntagabend eine Autobombe im Stadtzentrum von Ankara, welche nach bisherigen Angaben 37 Menschen in den Tod riss und über 120 Menschen verletzte, von denen sich noch viele in einem kritischen Zustand befinden. Bisher hat sich noch niemand zu dem Anschlag bekannt. Die Behörden gehen davon aus, dass eine Frau, die Mitglied der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) sein soll, unter den Attentätern gewesen sei. Es gibt allerdings wie zuvor bei dem Anschlag, für die die syrische YPG zum Täter erklärt wurde, keinen Beweis für diese Annahmen. Die Behauptung regierungstreuer Medien, die Attentäterin habe auch noch für die kritische Zeitung „Cumhuriyet“ gearbeitet, dementierte die Zeitung. Somit sind die nächsten Opfer der Regierung auch schon inoffiziell bekannt gemacht worden.  Die türkischen Behörden reagierten schnell, jedoch nicht mit Rücktritten von Verantwortlichen, sondern mit einer Nachrichtensperre. Auch soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter wurden zeitweise gesperrt.

Die Demokratie am Abgrund

Die wahren Verantwortlichen des Anschlags stehen aber schon lange fest: Erdogan und seine AKP-Regierung. Anscheinend müssen, solange Erdogan es nicht schafft, das Präsidialsystem einzuführen, unschuldige Menschen für seine Machtgier sterben. Die Spannung und Unsicherheit in der Bevölkerung ist so hoch, wie lange nicht mehr und wird von der Regierung und den Medien bewusst geschürt. Innenpolitisch wird alles, was Kritik an die herrschende Politik richtet, systematisch angegriffen. Regierungskritische Journalisten werden verhaftet, Fernsehsender geschlossen und verboten und der Krieg gegen das eigene Volk in den kurdischen Gebieten und Provinzen ausgeweitet.

Auch den letzten Anschlag nutzte die türkische Regierung für eine erneute Militäroffensive und griff mit 11 Kampfjets Stellungen kurdischer Rebellen im Nordirak an. Polizei und Militär gehen mit aller Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vor und die Rede ist von der „Reinigung der östlichen Provinzen“. Die türkische Regierung muss mit dieser aggressiven Politik nach Außen, dem Krieg gegen das kurdische Volk und Angriffe gegen jegliche demokratischen Kräfte im ganzen Land beenden. Ansonsten wird das ganze Land weiter im Chaos versinken.

Dogus Ali Birdal

Ozancan ali Deniz

 

Nicht einmal unsere Tränen werden das Blut auf euren Händen reinwaschen können

Zwei Freunde, zwei lachende Gesichter und die Tragödie eines ganzen Landes.

Das Bild zeigt zwei junge Studenten, Ozancan Akkus (links) und Ali Deniz Uzatmaz (rechts). Beide sind in Ankara jeweils bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen, jedoch nicht gemeinsam. Ali Deniz Uzatmaz starb am 10. Oktober 2015 bei dem Bombenanschlag auf die Friedensdemonstration. Der aus Gaziantep stammende Uzatmaz hatte den Traum, in Ankara zu studieren. Nach seinem Tod sagte sein Freund Ozancan Akkus: Sein größter Traum war es, in Ankara zu studieren. Woher hätte er es wissen können?

Das Photo, auf dem er bei einer Demonstration vor einem Plakat seine Faust ballt, wurde zu einem Symbol der Friedensbewegung der Türkei. Denn geschossen wurde es auf einer Demonstration. Im Hintergrund befindet sich ein Transparent, auf dem ein weiterer Jugendlicher zu sehen, der vor Uzatmaz für seinen Wunsch nach Frieden und Freiheit ermordet wurde: Ali Ismail Korkmaz. Dieser wurde 2013 während der Gezi-Proteste, als tausende junge Menschen gegen die autoritäre Politik der AKP und des heutigen Staatspräsidenten Erdogan auf die Straße gingen, von Polizisten und Schlägern erschlagen. Ozancan Akkus teilte vor 5 Monaten das Bild seines Freundes Ali Deniz Uzatmaz, wie dieser mit geballter Faust vor einem Ali Ismail Korkmaz Plakat stand und sagte dazu: „Nicht einmal unsere Tränen werden das Blut auf euren Händen reinwaschen können. Dieser unschuldige junge Mann wird für immer hinter euren Versen und für immer in unseren Herzen sein“ Bei dem Anschlag am Sonntagabend wurde nun auch Ozancan Akkus zusammen mit 36 Menschen ermordet.

 

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„Nichts davon ist das Leben dieses jungen Mädchens wert!“

Auch das Video eines jungen Mannes, der eine Angehörge vermisste, sorgte in den Medien und sozialen Netzwerken für viel Aufsehen. Kurz nach dem Anschlag schreit ein junger Mann in die Kamera des Senders Hayat TV: „In Grund und Boden mit eurer Herrschaft, in Grund und Boden mit eurem Faschismus, mit eurem Geld, mit eurem Land, mit eurer Religion, mit eurem Präsidialsystem. Nichts davon ist das Leben dieses jungen Mädchens wert“.

Als das Bild des jungen Mädchens sich verbreitete, wurde klar, dass die vermisste Destina Peri Parlak sich auch unter den Opfern befindet. Destina Peri Parlak, welche ihren Vater bei einem Autounfall verlor, als ihre Mutter noch schwanger war, starb im Alter von 16 Jahren.

#YerinDibineBatsin (In Grund und Boden) wurde am Montag zum meistgenutzten Hashtag weltweit auf Twitter.

 

 

„Sie werden nicht gemütlich auf ihren Stühlen sitzen bleiben!“

Die besorgte Stille vor einem Krankenhaus in Ankara, unterbrochen durch das Wehklagen der Mutter eines Vermissten. „Wenn meinem Sohn etwas zugestoßen ist, dann werde ich dieses Land vernichten!“, schreit sie. Sie werden nicht gemütlich auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Ihre Söhne werden ihr Schwarzgeld nicht ausgeben können!“

 

 

Song_l Bektas

Die jüngsten Opfer des Anschlags

Das jüngste Opfer des Anschlags konnte noch nicht einmal das Licht der Welt erblicken. Die bei dem Anschlag schwer verletzte und im 6. Monat schwangere Songül Bektas verlor bei der Explosion ihr ungeborenes Kind. Sie selbst schwebt noch immer in Lebensgefahr. Atakan Eray Özyol, Schüler einer Mittelstufe in Ankara, starb im Alter von 15 Jahren. Dorukhan Yusuf Özdemir, Kapitän der Jugend Basketballmannschaft des Sportklubs Ankara Altinel, starb im Alter von 18 Jahren. Mehmet Emir, ebenfalls Schüler einer Mittelstufe in Ankara, litt an einer Krankheit an der Leber und sollte in einigen Tagen eine Lebertransplantation von seinem Vater bekommen. Er starb im Alter von 16 Jahren.